Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Ich schaltete mich in das Gespräch ein:

" Aber denken. Sie doch an die jungen Menschen, das sind Söhne von Müt-tern, und sie gehen in den Tod!"

Sie sah mich gross an. Ihr Mann kam dazu, er war sehr ernst:

" Hören Sie nicht auf meine Frau, sie hat überhaupt noch nicht begriffenwas wirklich los ist. Wenn sie es versteht, ist es sowieso zu spät."Eine andere Frau, jung und eben verheiratet, sagte:

)

" Mein Mann wird gleich Offizier, dem passiert nichts. Und ich gehe zumeiner Mutter, die hat den ganzen Keller voll Konserven."Zwei Ausschnitte, es waren politisch indifferente Frauen," Bürgerin-nen" des Wilhelminischen Staates.- Die sozialdemokratischen Frauenhatten todernste Gesichter, sie fühlten ihre eigene Mitverantwortung,und an manchie von ihnen trat sofort auch die Not und Sorge um dieeigenen Männer und Söhne heran, und die Sorge um das eigene, nackteLeben.

Ich war

Mit dem Tag der Mobilmachung begann auch die Spionitis'.mir nicht bewusst, besonders aufzufallen, und auf der Strasse bliebenLisbeth und ich ruhig. Trotzdem wurden wir am zweiten Mobilmachungstagvon zwei betrunkenen unteroffizieren festgenommen und in eine Kasernegebracht. Es war nur unserer Ruhe zu verdanken, dass es nicht zu ei-nem Auflauf und zu Misshandlungen kam, so wie es sich bei ähnlichen' Verhaftungen', deren Zeuge ich leider war, abgespielt hatte. Instink-tiv verhielten wir beiden Schwestern uns so, dass die Umstehenden

annehmen mussten, dass wir mit den beiden Soldaten befreundet seien.In der Kaserne wurden wir dem diensttuenden Hauptmann vorgeführt, dersich zuerst an die beiden Unteroffiziere wandte:" Wodurch fielen Ihnen die beiden Damen auf?"

Zackige Antwort:

" Damen sprachen ein zu gutes Deutsch!"

Der Hauptmann grinste, nach einigen weiteren Fragen konnten wir ge-hen.- Das war aber nicht der einzige Fall. Im Warenhaus, beim Metz-ger( wo ich bekannt war) und bei anderen Gelegenheiten stiess ich aufeine feindliche Stimmung. Die Menschen fühlten, dass ich in diesen Ta-gen durchaus nicht das Gleiche dachte wie sie."

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Der Mitstreiter und Freund von Marie Juchacz , Adolf Hofrichter , warnach Berlin zur neichstags sitzung gefahren. Würde man dort die Kriegs-kredite bewilligen? Es war das stärkste Recht dieses sonst nichtmachtvollen Parlaments, der autokratischen Regierung Steuern und Kre-dite zu bewilligen- oder auch zu versagen. Um das Wort von den" va-