Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Nause

Im Vorwärts" much blättern!

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nach meinem Vortrag geschlossen den Saal.- Das Ganze war, wenn manan die schwere Kriegszeit denkt, eigentlich eine grosse Kinderei."

Obwohl Marie im Zug von Hamburg nach Berlin kein Auge zugemacht hatte,fuhr sie von Bahnhof nicht in ihr gemietetes Zimmer, sondern sofortin ihr Büro in die Lindenstrasse 3, wo schon der Redakteur der Zeitungdes" Gemeinde- und Staatsarbeiterverbandes" auf sie wartete. Zum gleichchen Abend war im Saal des Gewerkschaftshauses eine Gewerkschaftsversamlung einberufen und es fehlte noch die Rednerin für das Frauenreferat.Obwohl der Redakteur meinte, dass es wahrscheinlich ziemlich tumultuöszugehen werde und obwohl Marie völlig übermüdet war, sagte sie zu." Es kam so, wie der Redakteur vermutet hatte. Das Thema des Abends,Kriegskredite- taktische oder grundsätzliche Frage?', erhitzte dieGemüter, die Versammlung artete in eine wilde Schreierei aus. Da war esein ganz junger Mann, der mir imponierte, wie er die Versammlung wiederzur Ruhe zwang. Welche Haltung er selbst zum Thema einnahm, weiss ichnicht mehr, aber die innere Reife dieses jungen Menschen war verblüf-fend.- Ich begegnete ihm später mehrere Male: als Jungsozialist, alsParteisekretär, und dann in der Emigration. Er ist heute aus Überzeu-gung SED - Funktionär in der Ostzone Deutschlands ."

Während dieser ganzen Kriegsjahre hatte kein Parteitag der SPD mehrstattgefunden. Die einzuschlagende parteipolitische Linie war meist denörtlichen Funktionären überlassen, die sich zwar untereinander verstän-digten, aber auf viele Detailfragen keine Antwort wussten. So wurde einParteitag nach Würzburg einberufen, auf dessen programmatischen Ablaufhier nicht eingegangen werden soll. Für die Arbeit von Marie Juchacz war er von grosser Bedeutung:

" Der Parteitag wählte mich in den Parteivorstand. Aus der Frauensekre-tärin wurde ein stimmberechtigtes Vorstandsmitglied mit den gleichenFunktionen wie bisher. Ich konnte nun meine Wünsche und Absichten inder kollegialen Körperschaft vertreten und mich an den anderen Arbeitenund Beschlüssen beteiligen. Aber wurde dadurch meine Arbeit leichter,oder gar gestützt?"

Die Arbeit wurde schwerer und umfangreicher. Die innenpolitischen Er-eignisse und die Vorgänge auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen wa-ren alles andere als beruhigend. Als Marie Juchacz in den Maitagen desJahres 1917 von einer schlesischen Versammlungsreise aus Breslau zu-rückkam- auf ihrer letzten dortigen Versammlung wäre sie beinahe ver-