Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Ich selbst hatte besondere Gelegenheit, mit Marie während der Vorbe-reitung des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten zusammenzu arbeiten. Sie fand es manches Mal belustigend, meist aber doch be-trübend, mit welchem Ballast an vorgefassten Meinungen sehr viele Geg-ner der Gesetzgebung an die Fragen der Bekämpfung herangingen. Eswurde immer wieder die Furcht geäussert, dass eine Gewährleistung derleicht erreichbaren, freien ärztlichen Behandlung zu einer weiteren' Demoralisierung der Massen' führen würde. Von Vertretern einer evan-gelisch- dogmatischen strenger Auffassung der Erbsünde- Lehre wurde immerwieder bekannt, dass die in der Gesetzgebung zum Ausdruck kommendeWeltanschauung die moralische Grundlage der Familie auf das Schwerstegefährde und ein Freibrief für unverantwortliches Verhalten im Sexual-verkehr sei. Marie war in Fühlung mit Dr. Magnus Hirschfeld , ProfessorJadassohn- Breslau, Abraham Flexner , der Deutschen Gesellschaft fürGeschlechtskrankheiten, der' League of Nations, mit Iwan Bloch , A.Blaschko, Anna Popritz und vielen anderen. Sie interessierte sich fürdie Gründung der Pflegeämter und beteilgte sich laufend an den Bespre-chungen über die Organisation der neuen Einrichtung und die Einordnungin den Rahmen der öffentlichen Wohlfahrts- und Gesundheitspflege. Siewar überzeugt, dass die gesetzgeberischen Massnahmen gegen die Pro-stitution, gegen den Mädchenhandel und die Zuhälterei die stete Auf-merksamkeit der Gesetzgeber verlangten, weil die Strafbestimmungen undder Strafvollzug sowie die Bemühungen der öffentlichen Kontrolle sichin Großstädten oft als unwirksam erwiesen, gesehen vom Standpunkt derVorbeugung und der Abschreckung. An diesen Beratungen nahm auch sehroft Gustav Radbruch teil.

In Gesprächen, die Marie nach 1919 besonders mit Arbeitern führte, er-hielt sie den Eindruck, dass bei den Besitzern der Gross industrie undbei den von ihnen abhängigen Mittelbetrieben eine mehr oder wenigeroffene Neigung bestand, die Separatisteh- Bewegung in Rheinland zustärken, da sie annahmen, dass jetzt- nach dem Kriege- durch denstärkeren Einfluss der SPD im Reichstag eine Steuer- und Sozialgesetz-gebung mit verstärkten Lasten für die Betriebe zu erwarten sei. Mariewar davon beeindruckt, dass die Arbeiter durch ihre Identifizierungmit der SPD und der Zentrums partei sich als' nationaler' erwiesen alsdie Kreise und Organisationen, die so gerne den Nationalismus als Aus-hängeschild, benutzten."

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der ersten Frau, die 1919 in ein Reichsministerium in den höheren Ver-waltungsdienst berufen wurde, war Dorothea Hirschfeld . In der Abtei-lung" Soziale Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene"