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ein grosses Volk zugrunde geht! Wir können uns nicht mehr selber hel-fen!"
Marie Juchacz sagte als Verhandlungsleiterin, dass alle Schleusen derVerelen dung von Tag zu Tag weiter geöffnet würden, und erwähnte dieHunderttausende von Kindern, die in engen, kalten Zimmern, ohne aus-reichende Nahrung und Bekleidung regelrecht vegetieren müssen.
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Über dieses Thema gab der Hauptredner, der Kölner Stadtarzt Dr. Brau-bach, eine so grosse Fülle von anschaulicher Beweiskraft, dass er mitRecht an das furchtbare Wort von Clemenceau erinnern durfte: in Deutsch land seien zwanzig Millionen Menschen zu viel! In den geschwächten,blutarmen Körpern der Kinder, die keine Milch mehr haben, im Winternichts Warmes mehr tragen und nur zu einem geringen Bruchteil gebrauchsfähige Schuhe besitzen, bleibt die Tuberkulose aktiv, und im bäühendenAlter werde es unter dieser Generation ein wahres Massensterben geben.Schon heute übertrifft die Zahl der Gestorbenen die der Neugeborenen!Braubachs ein dringliche Rede wurde ergänzt durch den Kölner Wohl-fahrts- Bürgermeister Dr. Billstein, den Reichstagsabgeordneten Wil helm Sollmann und durch Vertreter und Vertreterinnen des besetzten Ge-biets. Überall das gleiche Elend! Überall 50 bis 75% der gesamtenBevölkerung ohne Arbeit, auf die kärgliche Unterstützung angewiesen.Und überall reicht die Selbsthilfe längst nicht mehr aus. Es kostetÜberwindung, an die Mildtätigkeit der Welt zu appellieren. Aber esbleibt kein anderer Weg. Es geht um das nackte Leben!
Auf einem Tisch war die Wochenration eines Arbeitslosen, die er sichmit der Unterstützung kaufen kann, ausgebreitet. Wohlgemerkt, der Un-terstützung eines Kölner Arbeitslosen, dessen Bezüge höher sind alsdiejenigen im Reich: ein Brot, ein Häufchen Hülsenfrüchte, einigeBriketts man brauchte von der Menschheit Jammer nicht mehr zu re-den, wenn man diese Ration vor Augen hatte."
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Die heute lebende jüngere Generation, die den zweiten Weltkrieg, seinEnde und die Besatzungs- und Reichsmark- Zeit miterlebte, hat zu einemgrossen Teil schlimme Zustände erlebt und gesehen. Sie waren aber nurzum Bruchteil so hart und verworren wie das, was sich nach dem erstenWeltkrieg ereignete. Wieviel schwerer war es damals, den Menschen wie-der Boden unter den Füssen zu geben. Und um wievieles mehr wurde dieArbeit einer neuen und jungen Organisation erschwert, die bewusst ineiner neuen Richtung arbeitete. Marie Juchacz kannte den Wert desgedruckten Worts und fühlte das Fehlen eines eigenen Organs umsomehr,als in der Arbeiterschaft, unter den Arbeitslosen und allen anderenin Not geratenen Menschen ein Lesehunger bestand, den man gerade im