Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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los Enteigneten, die kein Gefühl mehr für die Möglichkeiten eines ge-sunden Mittelwegs haben und sich nach rechts und links anschliessen,bei den extremen Nationalisten und bei den Kommunisten. Und zwischendiesen beiden Lagern die Reichswehr , die nach wie vor von ehemaligenGeneralen des Kaiserreichs kommandiert wird.

Das war der Gesamt- Tenor des Jahres 1925, in dem der erste Reichsprä-sident, Friedrich Ebert , starb, um zwangsläufig von einem angeblichruhenden Pol- dem greisen Generalfeldmarschall von Hindeburg- alszusammenführende Kraft abgelöst zu werden, mit dem Ergebnis, dassalles, was einstmals glorreich und national einwandfrei galt, wiederzu Ehren kam, einschliesslich der Farben schwarz- weiss- rot, die nunwieder offiziell nebenden Farben schwarz- rot- gold, und erstaunlicher-weise offiziell bei den Auslandsvertretungen des deutschen Reichs, ge-zeigt werden.

Trotz dieser Strömungen geht der deutsche Aussenminister Gustav Stre­ semann nach Locarno und erreicht durch seine Verhandlungen, dass miteiner gegenseitigen Garantie die Grenzen zwischen Frankreich , Belgien und Deutschland als unantastbar gelten und dass sich die Vertragspart-ner verpflichten, keinen Krieg mehr gegeneinander zu führen und alleAuseinandersetzungen auf freidlichem Wege zu klären. Die Völker Euro­ pas glauben an den Frieden und an den friedlichen Wiederaufbau. Auchin Deutschland glaubt man daran, zumindest in den Lagern, die diesenfriedlichen Wiederaufbau auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und erstrecht bald danach, als Deutschland in den Völkerbund aufgenommen wird.Von den 50 000 Exemplaren eines Buches mit dem Titel" Mein Kampf " istin dieser Zeit kein einziges in die Hände von Marie Juchacz gekommen.Sie weiss zwar, dass es in den radikalen Zentralen schwelt und bro-delt, ist aber davon überzeugt, dass man den Radikalismus aller Rich-tungen am besten dadurch überwindet, dass man zur wirtschaftlichenund sozialen Ordnung beiträgt und damit den Menschen auch den innerenFrieden wiedergibt. Den äusseren haben sie ja erhalten.

1925

So bereitet, Marie für das Ende des Jahresydie erste Reichssitzungder Arbeiter- Wohlfahrt für Berlin vor, die insofern eine organisato-rische Veränderung brachte, als Parlamentarier nur noch als Sachver-ständige nicht mehr als Vertreter hinzugezogen wurden." Wir tagten also nicht mehr als Vertreterkonferenz, sondern waren alsHauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt versammelt, der damit seine er-ste Reichssitzung abhielt."

Es ist erstaunlich, mit welcher Fülle von Gesamt- und Detail- Fragenim Zusammenhang mit allen Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt sichMarie Juchacz befasste. Sich damit befassen bedeutete für Marie immerund ihr ganzes Leben lang: jedes Problem mit beinahe wissenschaftli-