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zustellen, welche Berufsmöglichkeiten es für Marie und Emil geben könnte. So schrieb Hertha Kraus am 14. Juli 1941 ihren ersten Brief an Ma-rie:
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" Liebe Marie Juchacz , eben höre ich von Sollmann , dass Sie und Emil Kirschmann nun wirklich in der neuen Welt gelandet sind, sicher nachden schwersten und Strapazen und Aufregungen. Heute nur einen kurzen,herzlichen Willkommensgruss Ihnen beiden. Ich hoffe, Sie bald einmalin Ruhe zu sehen. Hans Hirschfeld , der selbst mit eigenen Sorgen an-gefüllt mich aufsuchte und sich erkundigte, welche Berufsaussichtenes für Sie gäbe, habe ich gesagt, dass ich überzeugt sei, dass Sie alsehrlicher und klarer Mensch eine schönfärbende Äusserung verachten Wür-den. Als ersten- und wichtigsten- Schritt habe ich die Beherrschung derLandessprache betont. Alles andere muss in Ruhe überlegt werden. Ichwünsche Ihnen und EmilX Kirschmann einen leichten und guten Anfang."Am 28. Juli 1941 antwortete Marie Juchacz :
" Liebe Frau Doktor Kraus, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeilen, dieSie mir über Wilhelm Sollmann zugehen liessen. Ich möchte nicht auf dieeinzelnen Dinge eingehen, die mir Hans Hirschfeld erzählte. Er meintees gut mit mir und wollte mich vor einer Enttäuschung bewahren. Dass ichden Eindruck hatte, als unwillkommener, überflüssiger und unbequemerGast dieses Landes angesehen zu werden, wirkte- ich befand mich in die-sen Tagen sowieso in einem Zustand tiefster Depression( und bei allenNeuankommenden ist das nur- nach Lage und Temperament-******** gra-duell verschieden)- so niederschmetternd auf mich, dass ich meine Ab-sicht, Ihnen bald nach meiner Ankunft zu schreiben, nicht durchführenkonnte. Es war nicht etwa die Zerstörung irgendwelcher materieller Hoff-nungen, sondern eine tiefe menschliche Enttäuschung, die mich so schmera-te. Das ist ein Artikel, von dem ich nicht mehr viel vertragen kann, aberdas ist jetzt aus dem Wege geräumt.
Emil Kirschmann und ich danken Ihnen herzlich für Ihren Willkommens-gruss. Wir leben vorläufig hier in Meriden in Connecticut im Hause vonEmils Bruder Robert Kirschmann. Dass Robert seinem Bruder sein Heim undseine Existenzmittel zur Verfügung stelle, ist bei dem Verhältnis zwi-schen den beiden Brüdern selbstverständlich. Dass er, seine Frau und sei-ne drei erwachsenen Söhne Freundschaft, Gastlichkeit und Hilfsbereit-schaft in so grosszügiger Weise und angenehmer Art auch auf mich ausdeh-nen, schätze ich dankbar ein. Dass ich hier sein kann, erspart mir diesonst unausbleiblichen Bitterketten des Emigrant nschicksals in New York und bewahrt mich vor der grossen menschlichen Einsamkeit. Ausser uns bei-den gibt Robert Kirschmann auch noch einem jungen Mädchen, das mit unsgekommen ist, Obdach und Nahrung. Davon schreibe ich noch weiter unten.