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Dilemma, in dem sie sich befand: sie war, mit fast 64 Jahren, indem Alter, wo sich andere unter normalen Verhältnissen schon mitdem Gedanken tragen, sich allmählich für den Rest ihres Lebens zurRuhe zu setzen, während sie fest daran glaubte, sich doch noch eineExistenz aufbauen zu können, nicht für sich selbst, um ruhig davonleben zu können, sondern um mit dem Gefühl der materiellen Sicher-heit an die Aufgaben heranzugehen, die ihr vorschwebten, die aucheinmal direkt auf sie zukommen würden. Das wusste sie rein gefühls-mässig sehr genau, und sie sollte auch recht damit behalten, x* x* x*wenn auch mit dem Unterschied, dass sie an diese Aufgaben ohne festefinanziellen Boden unter den Füssen herangehen musste.
Sie hätte, wenn sie körperlich noch bei Kräften gewesen wäre, ir-gend eine Aufsichtsfunktion in einem Heim übernehmen кжжжяя odегauch eine mit Handarbeit verbundene Pflegetätigkeit ausüben können,aber sie war beim besten Willen nicht mehr dazu fähig. Den bestenWillen hatte sie,-während der ganzen bisherigen Emigrationszeitkonnte sie ihn laufend unter Beweis stellen. Der von ihr in Saar brücken aufgezogene Mittagstisch verlangte damals den ganzen Ein-satz ihrer körperlichen Kräfte. Damit war es aber jetzt vorbei.Um eine geistige, zum Beispiel sozialwissenschaftliche Lehrtätig-keit ausüben zu können, fehlten ihr die besonderen Sprachkenntnis-se. Auch das wusste sie nur zu genau. Hätte sich Amerika nicht imKriegszustand befunden, und wäre aus Europa inzwischen nicht einumgepflügter Kriegsacker geworden, hätte es für sie weitaus besserausgesehen. Aber die Kriegsereignisse engten die Beweglichkeit al-ler so sehr ein, dass jeder davon zwangsläufig gepackt wurde, auchwenn er nicht direkt betroffen war.
Das verrät auch Maries Brief an Louise Oppenheimer vom 23. Dezem-ber 1942 Es war ein Weihnachtsbrief!:
" Wir stehen wohl alle bewusst unter den Kriegsereignissen und vorallem unter dem Eindruck der Grausamkeiten, die in den vergangenenMonaten in unvorstellbarer Weise an Juden und Polen verübt wurden.Man schämt sich und kann doch nichts dafür. Schmerzlich genug istauch das Geschrei: die Deutschen sind ja doch alle gleich und müssenin gleicher Weise bestraft werden. Ich muss dann daran denken, dassmeine Kinder und viele, viele unserer Freunde ohnmächtig da drübensitzen und sich nicht wehren können, nicht gegen den Hitlerterrorund nicht gegen die Landsleute hier, die im sicheren Port sitzenund schmähen.
Das ist kein guter Weihnachtsbrief, aber ich hoffe, Sie verstehen