Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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ist. Und ich gehe natürlich täglich meiner Arbeit nach. Langsam, viellangsamer als früher, aber es muss halt auch so gehen. Gesundheitlich sindwir im Grossen und Ganzen wohlauf, wenn sich auch die Strapazen von vorund nach 1933 manchmal unangenehm bemerkbar machen. Die Jahre im Saarge-biet, dann in Frankreich , und auch in diesem reichen und schönen Land wa-ren eben keine Zuckerlecke. Und auch sonst war nicht immer alles so, wieman es gern gehabt hätte.- Ich habe neulich einem Manne geschrieben- erklagte sehr, wie bitter seine Frau den Verlust der Möbel und der schönenWohnung ertrage-, man könne auch ein und mehrere Male alles, und immerwieder bis aufs Letzte, verloren haben, ohne jemals ausgebombt worden zusein."

Während Marie Juchacz , unterstützt von ihren wenigen engsten Freunden, inNew York alle Hebel ansetzte, um der neuerstandenen Arbeiterwohlfahrt inDeutschland die Wege zu ebnen und ihr die Mittel zu verschaffen, praktischeArbeit zu leisten, war man in Hannover nicht weniger aktiv. Viele Briefe,die in dieser Zeit von Lotte Lemke geschrieben in die Staaten gingen,

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verraten oft nur am Rande etwas von der Unerbittlichkeit der ersten Nach-kriegszeit, von den Anstrengungen, die weit über das normale Mass geistigerund körperlicher Leistungsfähigkeit hinausgingen, aber auch von der festenÜberzeugung, das man sich auf dem richtigen Weg befinde. Am 23. August1946 schreibt Lotte Lemke :

" Seit der ersten Sitzung des Hauptausschusses sind nun schon wieder achtWochen vergangen, und in der Zwischenzeit hat die Arbeit in den einzelnenBezirken sich wesentlich vertiefen können. Es ist erfreulich, wie jederTag neue Aufgaben bringt und unsere Organisation vor die Notwendigkeitstellt, neue Gebiete in Angriff zu nehmen und neue Einrichtungen zu schaf-fen. Unsere Mitarbeiter in den einzelnen Bezirken und Orten sind durch diepraktische Arbeit so ausserordentlich stark in Anspruch genommen, dass siesich zu Berichten schwer aufraffen können. Sind sind alle bis an die Grenz-zen ihrer Kräfte in Anspruch genommen und es ist jetzt die gleiche Situati-on, wie sie immer in der Arbeiterwohlfahrt anzutreffen war: es wird viel ge-tan, und es wird wenig darüber geredet und geschrieben.Einige persönliche Mitteilungen werden Sie sicher erfreuen: vor einigenWochen erschien unerwartet Marie Ansorge im Hauptausschuss, um deren Schick-sal wir alle in grosser Sorge waren. Sie ist von den Polen ausgewiesen wor-den, hatte aber das Glück, an der Grenze nicht wie sonst alle- ausgeplündert zu werden. Das Wiedersehen mit ihr war mir ein grosses Erlebnis. Sieist recht alt geworden, aber innerlich völlig ungebrochen, Ees strahlt vonihr viel Kraft und Wärme aus, und sie ist von einer unerhörten geistigenLebendigkeit und wundervollen reifen Menschlichkeit. Sie hofft, in Marl bei Recklinghausen bei einer

Freundin ihr