Leben neu aufbauen zu können
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mit monatlich 45 Mark Angestelltenrente. Mitden vielen Flüchtlingen aus Schlesien kommen viele unserer alten Mitarbei-ter in die britische Zone. So erschien vor kurzem auch Frieda Hauke- Rati-bor, sehr elend, in ausserordentlich schlechter Kleidung, aller Existenz-sehrmittel und allen Besitzes beraubt, und der Mann****** krank, mit Hunger-ödemen und schweren Herzschäden. Aber auch sie will, wenn sie wieder et-was bei Kräften ist, wieder mitarbeiten. Als neulich Paul Löbe in Hanno ver sprach, da war sie trotz ihres elenden Zustandes unter den Zuhörern,obwohl sie um nach Hannover zu kommen- erst einen strapazierenden Wegzurücklegen muss.
Eine ebenso grosse Freude hatte ich, als unlängst das Ehepaar Moser ausLiegnitz ankam. Sie hatten ein ganz kleines Bündelchen mit Wäsche beisich, aber unter der Bluse trug die Frau die Fahne der SPD , sie hatte siedurch alle Kontrollen hindurchgeschmuggelt.- Das sind alles Erlebnisse,die ungeheure Verpflichtungen bringen, aber auch mit grosser Hoffnung er-füllen."
Für Ma rie, Emil und Kaethe gab es bei ihren Sammelaktionen für privateBakete nur den Grundsatz: alles für die anderen, nichts für uns selbst.Im Gegenteil, wenn es in einem solchen Paket noch ein Logb gab, in das manetwas hineinstopfen konnte, kaufte Kaethe aus den privatesten bescheidenenGeldern des Haushalts Juchacz- Kirschmann- Fey noch zusätzlich Lebensmittel.Für die offiziellen Care- und cralog- Paketsendungen wurde nach dem Grund-satz der gerechten Berücksichtigung und Verteilung vorgegangen. So habenLotte in Düsseldorf , Fritz in München , Paul in Weissenthurm bei Andernach ,August Kirschmann in Oberstein , und die****** näheren Freunde,* Meerfeldsin Bonn , Lotte Lemke in Hannover und die vielen anderen, in der Hauptsachenur Sendungen erhalten, die aus der eigenen Tasche des New Yorker Dreige-spanns finanziert waren. Die offiziellen Sendungen gingen an die unendlichzahlreicheren und wesentlich bedürftigeren Menschen, die von der Arbeiter-wohlfahrt bedacht wurden. In den Privatpaketen lagen oft Dinge, die nichtmehr ganz neu waren, und Marie Juchacz legte manchem Privatpaket Briefebei, mit denen sie sich dafür entschuldigte:
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" Als wir als Emigranten in dieses Land kamen, sind wir auch nicht belei-digt gewesen, dass man uns Dinge angeboten hat, die schon andere getragenhatten. Als ich nach unserer grossen Flucht durch Frankreich im Süden lan-dete, wäre ich froh gewesen, wenn ich eine solche Hilfe gefunden hätte. Manist hier in diesem Land doch recht kameradschaftlich, so wie es aus dem de-mokratischen Gefühl kommt und wie es heranwächst in einem Land mit grossenEinwanderungsquoten, wo der Helfende seine eigene Vergangenheit noch nichtvergessen hat. So wird eben anders, viel selbstverständlicher und kamerad-