Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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nicht übel zu nehmen, wenn sie nicht schreibt. Obwohl ich mich natürlichselber über ihr Schweigen ärgern muss, es geht nicht anders. Aber muss nichein Jeder von uns so verbraucht werden, wie er geschaffen und schliesslichgewachsen ist?- Aus München haben wir übrigens eine Probe davon bekommen,dass die Frau von Fritz, Maria, wirklich eine grosse Künstlerin und sehrbegabt ist, und das freut uns ja doch sehr.- Dass Ihr bei Paul wart, istfein, und ich danke Euch, dass Ihr so gut von ihm und den Jungens berich-tet."

Dass Marie in ihren Briefen an die nächsten Angehörigen und Freunde auf pri-vate Dinge************* einging und dabei manches Herzensgefühl verriet,ist nur dadurch zu erklären, dass sie durch die Emigration von allen ge-trennt war und für ihre eigene Arbeit etwas von der menschlichen Wärme derihr Nahestehenden spüren wollte. Desto sachlicher, nüchterner, bestimmterund klarer war der Ton, den sie in allen Briefen, die sich mit ihren ei-genen Aufgaben in New York und mit denen der AW in Deutschland beschäftigteten, anschlug.

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Resto Cuberraschter war Lotte Lemke , als sie am 29. Januar 1947 folgendenBrief von Marie erhielt:

" Ich beglückwünsche Dich und die AW zu den Leistungen, die man doppelt unddreifach hoch einschätzen muss, wenn man weiss, wie die Mitarbeiter heutenoch selber unter der Vergangenheit der Hitlerzeit und unter den Entbeh-rungen der Gegenwart zu leiden haben. Aus den vielen Briefen, die ich be-komme, kann ich bei aller persönlichen Zurückhaltung doch herauslesen, dassdie Schreiber selber in mancherlei bitterer Bedrängnis sind. Und dann habeich dauernd ganz stark den Wunsch, mehr- viel mehr tun zu müssen, um auchvon hier aus diesen Berg von Elend abtragen zu helfen. Vor dem Willen derbedrängten Menschen, unter allen Umständen und gegen alle Widerstände dieNot zu bezwingen, habe ich immer wieder die grösste Hochachtung.- Bittegrüsse alle und jeden, und sage ihnen, dass es mir nicht möglich ist, je-dem einzeln zu antworten, so gerne ich das täte. Aber es ist aus physischenund auch aus zeitlichen Gründen einfach unmöglich."

Im gleichen Brief wirft Marie einen Gedanken auf, den sie in dieser Formniemals niedergeschrieben hätte, wenn das von ihr ohne jede vorherige An-kündigung Lotte Lemke gegenüber gebrauchte' Du' nicht gewesen wäre:" Wir haben hier immer etwas Sorge, und besonders mir geht es so, dass Ihrdrüben und besonders Du glauben könntet, dass man von hier aus mitbe-

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stimmend in die Gestaltung der organisatorischen Notwendigkeiten eingrei-fen will. Nichts liegt mir ferner als das."

Sofort nach Erhalt dieses Briefes, am 21. Februar 1947, schrieb Lotte Lemke in ihrer Antwort: