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" Liebe Marie Juchacz ! Sie verwenden in Ihrem Brief vom 29. Januar, denich heute erhielt, das kameradschaftliche' Du'. Damit machen Sie mir einegrosse Freude, und wenn auch das Gefühl der Verehrung, das ich für Sieempfinde, gewisse Hemmungen in mir hervorruft, dieses' Du' zu erwidern, sobin ich doch auf der anderen Seite sehr glücklich über diesen AusdruckIhres Vertrauens und werde mir Mühe geben, nicht darüber zu stolpern, wennich nun im Laufe der weiteren Korrespondenz diese Anrede auch Ihnen gegen-über gebrauchen werde.
Zunächst die Mitteilung, dass ich vor einigen Tagen Dein Kleiderpaketerhalten habe, dass Du mir mit Deinem so freundlichen und verständnisvol-len Brief bereits angekündigt hattest. Es war in den ersten Monaten fürmich wirklich sehr schwer, mich immer ordentlich anzuziehen und frischauszusehen. Die wunderbare weisse Bluse wird mein Selbstgefühl heben, unddas Kostüm braucht nur ein wenig enger gemacht zu werden. Ich kann Dir gar-nicht sagen, welche Freude mir dieses Paket gemacht hat. Aber Du wirst esDir vorstellen können, denn Du bist ja während Deiner Emigration sehr oftin der gleichen Lage gewesen. Ein Paar Schuhe habe ich, Dein Einverständ-nis voraussetzend, meiner Mitarbeiterin Emma Schulze- früher Regierungs-rätin beim Oberpräsidium in Königsberg - gegeben, die immer nasse Füssehatte."
Im gleichen Brief geht Lotte Lemke - scheinbar so nebenbei- auf die Mög-lichkeit eines Besuchs von Marie Juchacz in Deutschland ein:
" Vor einigen Tagen war Regina Kägi hier und es war für uns ein rechtes Er-lebnis, mit dieser reifen und warmherzigen Fraudzusammen sein zu können.und von ihr zu hören, wie es in den anderen Ländern, die vom Naziterrorheimgesucht worden, aussieht. Ich musste in diesen Tagen immer denken: wiewürde es sein, wenn Marie Juchacz einmal zu uns käme? Tatsächlich, lässtsich das nicht verwirklichen? Ich glaube, unsere Arbeit würde einen sehrschönen Aufschwung bekommen und viele der alten und neuen Mitarbeiter würdesehr glücklich sein, Dich hier zu haben. Was Herta Krauss möglich gewesenist, müsste nun langsam auch für Dich möglich sein. Die Strapazen sind janoch sehr gross, und die Reise ist sehr teuer, aber vielleicht können dieGewerkschaften die Reisekosten übernehmen. Wir würden uns alle unendlich
freuen, Dich wiederzusehen."
Dieser von Lotte Lemke aufgeworfene Gedanke blieb nicht ohne Wirkung, diesich aber nicht darin äusserte, dass Marie nun alle Hebel in Bewegungsetzte, um eine Reise nach Deutschland zu ermöglichen. Bei ihrer Energiehätte sie das in wenigen Wochen geschafft. Sie liess sich das nur durchden Kopf gehen, um alles, was damit zusammenhing, gründlich zu durchden-ken, wobei sie zu dem Ergebnis kam, dass es dann nur eine Möglichkeit ge-ben müsste: die endgültige Heimkehr nach Deutschland , und nicht nur für