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Nicht nur mit Lotte Lemke besprach sie in ihren Briefen diese Gedanken undProbleme, sondern auch mit allen, die die Verbindung zu ihr wieder gefun-den hatten,* x* x* x* к auch wenn dieser' Zuwachs' an Freunden noch mehr zuLasten ihrer Zeit ging. Belangloses wollte und konnte Marie niemals schreiben, es war immer mehr als nur ein Gruss, immer ein neuer Gedanke, ein Be-mühen um neue Erkenntnis, oder es waren Fragen, Vorschläge und Kommentarezu kleinen und grossen Dingen. Mit den ganz nahen Freunden unterhielt siesich auch brieflich über Neues un d Vergangenes, und wenn einmal eine Adresse auftauchte von einem guten alten Freund, dann ergriff sie von sich ausdie Initiative und nahme die seit 1933 abgerissenen Verbindungen wiederauf. So hatte ihr Adressenbuch bis zum Mai 1948 einen beträchtlichen Um-fang erreicht. Dieses Buch war gleichzeitig ein guter Wegweiser für sie,um bestimmte Gedanken und Pläne in die richtigen Kanäle zu schleusen. Alsdas Problem ihrer Reise nach Deutschland auftauchte, schrieb sie nach die-sem Wegweiser an alte Freunde, u.a. auch an Carl Severing nach Bielefeld ,der mit seiner Antwort nicht lange auf sich warten liess und auch Gutesmitzuteilen wusste. Am 27. Mai schrieb er ihr:
" Liebe Ma ie, Deine Mitteilungen, dass Du zur richtigen Beurteilung derdeutschen Situation einen Besuch in Deutschland selbst für erforderlichhältst, haben mich sehr erfreut. Auch ich bin der Meinung, dass wichtigerals das geschriebene Wort und belehrender und überzeugender zugleich derpersönliche Eindruck ist. Ich habe darum unmittelbar nach Eintreffen Dei-nes Briefes mich mit der Arbeiterwohlfahrt in Verbindung gesetzt, und eben-so mit dem Sozialminister von Nordrhein- Westfalen . Beide teilen meine Auf-fassung und laden Dich recht herzlich ein, bald herüber zu kommen und diedeutschen Verhältnisse zu studieren. Also komme bald!
Auf der Reise nach Frankfurt zu den Festlichkeiten der Paulskirche war icheinige Tage in Koblenz , die wenigen Freunde, die ich dort gesprochen habe,berichteten mir von ihren Erinnerungen an die Versammlungen, die ich mitEmil un d Elisabeth in und um Koblenz abgehalten habe. Das ist das eine,was ich Dir von die sem Besuch be ichten wollte. Das andere ist, dass ichDeinen Sohn Paul gesehen und gesprochen habe, der sehr erfreut war übermeine Mitteilung, dass Du von der AW eingeladen seist und voraussichtlichbald nach Deutschland kommen würdest. Mache das also wahr!- In Frankfurt habe ich einige Rückwanderer wie Hans Simons und Max Brauer gesehen. AuchReuter war aus Berlin gekommen. Von Stampfer erfahre ich soeben, dass erim Sommer eine neue Europpreise antreten wird, um dann endgültig in Deutsch land zu bleiben. Im Sinne dieser radikalen Wille äusserung möchte ich Dichnoch nicht beeinflussen, aber um so dringlicher wiederhole ich den Wunsch:komm und siehe es!"