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Minna Flake, politischer Flüchtling wie wir und bester Freund von uns, da-bei. Das war alles. Der feierliche Akt war, wie fast alles in diesem Lande,formlos und einfach, dabei doch nicht trivial.
Ich benötige noch meinen Geburtsschein, um die Prozedur für die Ausreise ab-zukürzen. Beinahe alles ist in den USA einfach. Nur wenn Du das Land ver-lassen willst, muss man peinlichst genau korrekte Fragen seitenweise beantworten. Je schneller der Schein hier ist, desto sicherer könnt Ihr mit unsererAnkunft Ende April oder Anfang Mai rechnen."
Käthe, die den Auftrag hatte, den Brief so schnell wie möglich mit der Postzu besorgen, schrieb mit der Hand noch einige Zeilen dazu:
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" Nun habe ich den Brief doch noch bis zum nächsten Morgen behalten, weil ichEuch noch ein paar Worte über Emils Zustand sagen wollte. Er ist doch sehrmatt und kraftlos, so sehr er versucht, es nicht wahrhaben zu wollen. In denNächten liegt er trotz Medizin wach und grübelt über tausend Probleme, unddas ist nicht gut. Sein Zustand ist nach ärztlichem Urteil-' so gut, wiedas eben bei seiner Krankheit möglich ist', oder:' Man weiss nie, wann sichso etwas wiederholt' und' Je länger die Pause zwischen zwei Attacken, destobesser'. Dr. Minna Flake meint:' Wenn sich bis zum Herbst nicht wieder etwasUnvorhergesehenes einstellt, dann ist er kräftig genug, um eine Wiederholungdes Lungen- Oedöms zu überstehen. Ich bereite adeo alles für die Rückreisevor, weil auch das Klima hier für ihn Gift ist und er keinen Sommer mehr hierin New York verbringen darf, ganz abgesehen davon, dass er auch durch dielange Untätigkeit ganz kribbelig wird. Ich hoffe sehr, dass er durchhält, undwir sehen uns dann im nächsten Frühjahr. Es ist nicht immer ganz leicht, ihndavon zu überzeigen, dass er die Hände in den Schoss legen muss, um Kräftezu sammeln für seine Erholung und für seine zukünftige Arbeit drüben, vorallem aber auch für die anstrengende Reise. Das alles soll Euch aber nichtdas Herz schwer machen. Ich hielt es nur für meine Pflicht, Euch in aller Of-fenheit zu sagen, wie es um ihn steht, denn einmal müsst Ihr es ja doch er-fahren. Marie lag übrigens in dieser Woche mit bösen Ischias- Schmerzen imBett."
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Der Briefwechsel zwischen Marie Juchacz und Lotte Lemke klang in diesen Ta-gen ab. Am lo. Dezember kam noch einmal ein Brief aus Hannover :
" Der Tag rückt nun immer näher, an dem Du New York den Rücken wenden wirst.Hoffentlich stellen sich Deinen Plänen nicht noch irgend welche bürokrati-schen oder sonstigen Hemmungen entgegen. Die Durchführung Deines Entschlussesist sicher nicht einfach, aber wir sind hier alle froh darüber, dass Du kommstund ich denke, dass Du es nie zu bereuen haben wirst. Paul, Dein Sohn, undFritz Roehl in München habn an mich geschrieben, und Paul hat mich sehr herz-lich eingeladen, mit Dir zusammen einige Tage auf dem Nette- Gut zu verbrin-gen. Darüber freue ich mich sehr und werde es auch so einrichten. Fritz