Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

- 356-

Über diesen ersten Berlin - Besuch schreibt der' Sozialdemokrat' in seinerAusgabe vom 29. April 1949:

" Flugplatz Bückeburg - eine kleine westdeutsche Delegation, die zur Ta-gung der Berliner Arbeiterwohlfahrt fliegen will, wartet seit Stunden inder üblichen Ungewissheit auf den Aufruf ihrer Namen. Unter den Mitglie-dern der Delagtion sitzt Marie Juchacz , die nach langen Jahren der Emigra-tion aus den USA zurückgekehrt, ih altes Wirkungsfeld Berlin besuchenwill. An der Arbeiterwohlfahrt, die sie einst in dieser Stadt gegründethat, hängt ihr ganzes Herz. Endlich beginnt der Aufruf der Namen, aber nie-mand ruft:' Marie Juchacz '. Sie ist zurückgestellt und muss mit einem Abendflugzeug nachfliegen. So lernt Marie Juchacz gleich bei ihrem ersten Berliner Besuch all das kennen, was so charakteristisch für die einzige Verbin-dung Berlins mit dem Westen ist.

-

-

Dann sieht sie diese Stadt wieder. Sie ist erschüttert über das Aussehensie ist bewegt über den herzlichen Empfang.' Die Freude und Herzlich-keit, mit der man mich hier empfangen hat, waren so überwältigend... darü-ber kann ich jetzt noch garnicht sprechen.' Als sie die ehemalige" eichstagsabgeordnete- am Donne stag für einige Zeit das Stadtparlamentbesucht, nimmt das Begrüssen kein Ende.' All die alten Freunde von damalswiederzusehen ist so wunderschön!', ч meint sie, und untergehakt wie zweijunge Mädchen gehen sie und Louise Schröder , Berlins regierender Bürger-meister, plaudernd und lachend in den Wandelgängen des Berliner Parlamentsspazieren. Zwei Frauen, die jede zu ihrer Zeit und an ihrem Platz so un-endlich viel für ihre Mitmenschen taten.- Lachend erzählt die heute 7ojäh-rige von ihren damaligen ersten englischen Sprachstudien:' Das Gedächtniswollte nicht mehr so recht. Lesen ging bald, aber zum Ausdrücken all derkomplizierten Gedanken, die uns auf politischem Gebiet bewegten, da reich-te der Wortschatz nicht mehr aus. Und von den üblichen oberflächlichen Un-terhaltungen über das Wetter und so halte ich nichts.' Dann erzählt sie vonden USA :' Es ist ein schönes und grosses Land mit sehr freundlichen Men-schen. Und doch ist es mir in gewisser Beziehung immer etwas fremd geblie-ben.' Sehr beeindruckt ist sie von der amerikanischen Lebensform, der Demo-kratie, die dort gelebt wird:' Es ist den Menschen schon von Jugend an ganzins Gefühl übergegangen, den anderen zu achten, in geistigem Kampfe mit ihmum politische Ansichten zu ringen, fair zu sein, sich überzeugen zu lassenund doch ein stolzer Mensch mit eigener Überzeugung zu bleiben. Die jungenMenschen drüben erleben das bereits, und sie leben es dann einfach weiter,ohne es immer als Ausdruck und Eigenart eines politischen Systems zu empfinden. Mit umfassender K₁arheit entwickelt die 7ohährige diese Gedanken undfügt erklärend hinzu:' Ich habe keine Gelegenheit in diesen Jahren ver-säumt, das soziale und politische Leben meines Gastlandes zu studieren.'