Heinrich
USA
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Wenige Monate vor ihrem Tode erzählte sie einmal von diesen Solinger Tagen, von dem Wiedersehen mit vielen Menschen, die sie als Jungsozi-alisten kennengelernt hatte und die ihr nun als reife Menschen und wert-volle Mitarbeiter an der grossen Aufgabe der Arbeiterwohlfahrt gegenüberCfreudigenstanden, und von ihrer Erschütterung über die Tatsache, dass zwölf Jah-re Naziterror die Idee der sozialistischen Selbsthilfe nicht auslöschen
konnten.
weil
" Eigentlich hätte man nicht mir die Ehren erweisen müssen, dass ich ein-mal zu denen gehören durfte, die am Werden und Wachsen der Arbeiterwohl-fahrt mithelfen konnten, sondern all den Namenlosen, die unsere Ideeso fest in sich trugen, dass sie aus eigenem Entschluss und mit eigenerKraft nach diesem letzten schrecklichen Krieg von vorne anfingen, ohneBefehl und Auftrag, und die dazu beitrugen, unsere Organisation derSelbsthilfe grösser und wirksamer wiedererstehen zu lassen als je vor1933."
Als zum Schluss der Solinger Tagung der Vorstand neu gewählt wurde, weilRobert Görlinger durch seine Tätigkeit als Oberbürgermeister von Köln nicht mehr in der Lage war, die Bürde des ersten Vorsitzenden zu tra-gen und seinen ersten Platz dem niedersächsischen FlüchtlingsministerAlbertz freimachte, ergab es sich von selbst, dass Marie Juchacz zurEhrenvorsitzenden emannt wurde.
[ So schliesst sich der Kreis]
Damit hatte sich für Marie Juchacz der Kreis geschlossen, sie war dort-hin zurückgekehrt, wo sie einmal angefangen hatte, und was sich jetztnoch ereignen würde, konnte eigentlich nur noch Ausklang sein. Das warMaries feste Überzeugung, die sie in manchem Brief an Freunde und Be-kannte hüben und drüben zum Ausdruck brachte. An Luise Oppenheimer in derschrieb sie am 21. Juli 1950 aus Berlin :
" Ich arbeite noch in einer mich sehr befriediegenden Art in der Arbei-terwohlfahrt mit, so weit meine Kraft das noch hergibt. Dadurch bin ichzum zweiten Mal nach Berlin gekommen, weil der Hauptausschuss zusammenmit der Berliner Organisation und einem Team von Amerikanern( Unitarians)einen dreiwöchigen Kurs abhielt. Er geht heute zu Ende, war interessantund voller Ergebnisse: sachlich, moralisch, menschlich und zukunftsträchtig. Zufällig fand in der Nähe, im August- Bebel- Heim in Berlin - Wannsee ,zur gleichen Zeit ein Kurs für politische Funktionärinnen statt und manhatte mich gebeten, etwas von meinen Erlebnissen und Eindrücken in denUSA zu erzählen, was ich gerne tat.
Uber meine Eindrücke in Deutschland zu schreiben ist in diesem kurzenBrief nicht möglich. Nur eines möchte ich Ihnen sagen: dass es doch fürich und eine Anzahl von Sozialdemokraten von grosser, innerer Bedeutung