Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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handlung bin. Sie sehen also, dass es mit meiner vermeintlichen Tatkraft,die Sie bei mir vermuten, auch nicht mehr so weit her ist. Ich habe in denMonaten meiner Krankheit sehr viel gelesen. Au ch war es mir ganz inter-essant, einmal mit Menschen ganz anderer Weltanschauung in Berührung zukommen. Es war nämlich ein katholisches Krankenhaus, und die Pflege er-folgte durch Nonnen. Der behandelnde Arzt ist ein guter Katholik, ebensowie seine Assistentin, die besonders fromm ist. Aber über menschliche undsoziale Probleme kann man auch mit Andersdenkenden sehr gut sprechen, wennsie das Leben und seine Bedingungen ernst nehmen.- In der Arbeit habeich in dieser Zeit manches versäumt und das hat mich geschmerzt, es warNationales und Internationales. Inzwischen habe ich nun allerdings schonwieder an einer zentralen Konferenz der Arbeiterwohlfahrt in Stuttgart teilgenommen und sie sogar eröffnet. Auch konnte ich mich in vermitteln-der Form beteiligen, was nicht ganz ohne Wert war, auch in Hinblick aufdie zukünftige Entwicklung. Dann fand noch eine sozialistische Frauenkon-ferenz in der alten Bischofsstadt Fulda statt, die ich einen halben Taglang leitete und bei der ich mich an der Debatte beteiligte. Es waren et-wa 200 sehr intelligente und lebendige Frauen dort, Die Juristin Elisabeth Selbert behandelte die Frauenfrage vom Rechtsstandpunkt aus gesehen. Daist noch immer sehr viel zu tun, wie einem bei einer solchen Konferenzerst wieder so recht bewusst wird, wenn das ganze Problem in Referat undDiskussion vor den Teilnehmern behandelt wird. Ein Erlebnis für alle Teil-nehmer war der zweite Tag mit einem Vortrag von Minna Specht , einer Päda-gogin in meinem Alter. Die Rednerin ist eine bis zur Kristallklarheit aus-gereifte Persönlichkeit, die ganz über den kleinen Dingen steht. Ich glau-be aber, dass Sie mit Ihrer Annahme, dass ich mitten im politischen undbensozialen Geschehen stehe, doch nicht so ganz recht. Wenn Alter und schwin-dende Kraft zur ungewollten Schonung verurteilen, wird man automatischwieder mehr zum Zuschauer. Der Unterschied liegt nur darin, dass die inne-ren Bindungen zum angestammten Land und zu seinen Menschen stärkere sindals die, die man zur später erworbenen Heimat nicht mehr so eng- in vie-len Fällen überhaupt nicht- knüpfen kann. Das ist wohl nur dort möglich,wo man zur Schule ging, gross wurde und ganz in die menschliche Gemein-schaft hineinwuchs.- Im Sommer war eine Verwandte von mir in USA , imAustausch für Lehrer, drei Monate lang. Sie durfte sich ihre Reisetourselbst zusammenstellen und hatte augenscheinlich, neben der eigenen gutenVorbereitung, noch sehr viel freundschaftliche Hilfe, sodass sie sehr be-reichert zurückgekommen ist. Ihr schriftlicher Bericht ist hochinteressantund sie hat unendlich viel gesehen und verarbeitet. Das kann sie aber auchgebrauchen, denn sie ist Direktorin einer staatlichen Stickereischule imoberfränkischen Bayern , in N_aila. Diese Schule musste sie erst aufbauen,