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in einer Gegend, in der Stickerei und textile Betriebe schon seit länge-rer Zeit beheimatet sind. Natürlich sind die Bedingungen für eine solcheSchule heute ganz anders als früher, weil sie an der modernen und auchindustriellen Entwicklung und an der Absatzfähigkeit der Erzeugnissenicht vorbeigehen darf. Aber es ist hocherfreulich, wie Maria Roehl ( ihrKünstlername ist Neppert- Boehland), aufnahmefähig und-willig, aber auchsehr kritisch xxxxx sich alesangesehen hat und ihre Nutzanwendung da-raus zieht. Bei Maria handelt es sich um die Fraw/ von Fritz Roehl. Erist ja eigentlich- Sohn meiner Schwester Elisabeth aus ihrer erstenEhe mein Wahlsohn, und ich bin froh, dass er diese Lebens kameradin ge-funden hat. Sie ist eine Baltin, Graphikerin und Malerin, dazu modischbesonders begabt und- im Gegensatz zu manchen anderen Künstlern- auchsehr praktisch.
Für Sie selbst vollzieht sich ja nun auch der Prozess, der uns Mütternnicht erspart bleibt, und auch Sie haben eine Tochter, die sich nun ihrLeben selbst formt und ihre Persönlichkeit entwickelt. Alles in unseremLeben ist zugleich schön und ein wenig schmerzhaft, auch da, wo es gutgeht. So glaube ich, dass auch meine Tochter Charlotte es ganz angenehmempfindet, dass ich meinen Arbeits- und Interessenkreis ein wenig abseitsverlegt habe. Wir wohnen aber nur fünf Minuten Fußweg voneinander ent-fernt. Da mir ihre Treppen zu hoch snd, kommt sie hin und wieder abendsfür eine Stunde zu mir. Sie hat ihren Beruf als Rechtsanwältin sehr ger-ne, aber den Anwälten- überhaupt den' freien' Berufen- geht es wirt-schaftlich ganz allgemein nicht gut. Das muss aber getragen werden, esliegt in der ganzen zur Zeit noch gültigen wirtschaftlichen Struktur.-Wenn Sie von Ihrem Garten schreiben, steht mein Häuschen in Köpenick vormir auf, mit dem hübschen kleinen Garten. Es soll alles zerschlagen sein,ich habe es noch nicht wieder gesehen, es liegt in einem Ostberliner Vor-ort."
Wenige Wochen später traf sich die Familie wieder in Weissenthurm, um ge-mein sam Weihnacht zu feiern. Maries Tochter Lotte hielt nicht viel vondiesen Familienfesten, es genügte ihr, wenn sie ihre Mutter bei ihrenAufenthalten in Düsseldorf wöchentlich in einigen Abendstunden sah undsprach. Und Marie glaubte auch, die Ursachen zu kennen, durch die ihreTochter sich ganz hinter ihren anwaltlichen Beruf verschanzte und nur mitwenigen Menschen persönlichen Kontakt aufnahm. So machte sie einmal- zuAnfang des Jahres 1952, als sie sich mit den familiären und beruflichenSorgen und Problemen ihrer Kinder und ihres Wahlkindes beschäftigt hatte-ihrem Herzen in einem Brief an Luise Oppenheimer Luft:
" Meine Tochter Lotte ist nach meinem Gefühl leider kein sehr glücklicherMensch. Die hinter ihr liegende Zeit hat ihr doch wohl zu sehr zugesetzt.
Sie ist aber ganz und garnicht damit