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" Zwei Briefe habe ich von Dir bekommen, während ich im Krankenhaus lag.Am 13. November 53 erlitt ich einen Strassenunfall. Es sah zuerst nichtso böse aus, es waren linksseitige Verstauchungen, aber die innerlichenund äusserlichen Folgen: eine Rippenfell- und eine Lungenentzündung, mitallem Drum und uran, wee bei meinem Alter nicht anders zu erwarten. Ichhatte schon aufgegeben, man hat mich aber doch noch durchgebracht. Jetztbin ich hier, um die Gesundung abzuwarten. Herz und Nieren arbeiten nochnicht richtig, und am linken Arm ist als Folge noch eine böse Nervenent-zündung geblieben. Aber es ist sehr schön hier, und es geht langsam auf-wärts mit mir. Dies ist der erste Brief, den ich selber schreibe. Vor meiner Erkrankung sah ich Dorothea Hirschfeld in Berlin , sie besuchte unsereJahreskonferenz und ist von einer erstaunlichen Frische, dazu gütig undweise.- Es fällt mir noch schwer, so mache ich Schluss, aber mein Gewis-sen ist nun entlastet."
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Dieser Brief war wie die meisten an private Freunde- natürlich mit derschon in Amerika Hand geschrieben, und sie hatte sich angewöhnt, nicht mehr im fliessen-den und zusammenhängenden Schriftbild zu schreiben, sondern jeden Buchstaben einzeln, wobei sie sich im Laufe der letzten Jahre eine so grosseÜbung erworben hatte, dass sie genau so schnell schrieb wie früher. Ein-mal danach gefragt, wieso sie zu dieser Art des Schreibens gekommen sei,wusste sie für sich selbst keine andere Antwort als die, dass sich das imLaufe der Zeit so ergeben habe und sie sich trotzdem sehr wohl dabei füh-le. Mit solchen Antworten verstand sie es, derartige kleine Dinge zu denAkten zu befördern.
Der 75. Geburtstag]
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Acht Tage vor ihrem 75. Geburtstag schrieb sie noch einmal einen kurzenBrief, der sich nurxxx mit ganz sachhichen Dingen abgab, an Martha- Eva Parker nach Chicago ,dann kam der grosse Tag, auf den sie sich nicht freute, sondern vor demsie sich fürchtete. Warum, wusste sie selbst nicht, und' das Programm'das für den Ablauf dieses Tages vorgesehen war, interessierte sie nur amRande. Sie wusste, dass sie mit den zu treffenden Vorbereitungen bei Lot-te Lemke am besten aufgehoben war. Lotte Lemke hatte es verstanden, die-sen Tag so zu arrangieren, dass Marie im Kreise ihrer wirklich engstenFreunde blieb. Louise Schröder hatte sich die Mühe gemacht und war ausBerlin herausgeflogen. Wenige Tage nach dem 15. März schrieb Marie ansie:
" Meine liebe Louise, wie schön war es, dass Du an diesem Tage bei mir unduns sein konntest. Ich hatte- nach allem- Angst vor diesem Tag, fühltemich dann aber im Kreis der Freunde, mit denen mich die Erinnerung an ge-meinsames Erleben verbindet, doh geborgen. Ich danke Dir ganz herzlich fürDein Kommen und Deine guten Wünsche."
Zum Ausklang dieses bemerkenswerten