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sass Marie Juchacz - damals eit einigen Monaten aus der Heimatlosigkeitder Emigration nach Deutschland zurückgekehrt und begrüsste den jungenMann, von dem sie wahrscheinlich wusste, dass er zwei Tage später zum Vor-sitzenden des Hauptausschusses und damit zu einem igrer Nachfolger vorge-schlagen werden sollte.
Mir war zu Mute wie einem Prüfling, der vor seinem Examinator steht. Ichweiss nicht mehr, was in diesen ersten Minuten zwischen ihr und mir gere-det worden ist, aber ich weiss, dass von diesem Augenblick an für mich seviel Jüngeren der Weg ein er Erfahrung begann, der sich seit jenem herbst-lichen Tage des Jahres 1949 wie ein schöner grosser Bogen durch die Jah-re hin fortgesetzt hat, einer Erfahrung, die selten ist: dass nämlich einaltgewordener Mensch aus seinem langen Leben, aus den Erfolgen und bitte-ren Enttäuschungen, die es brachte, sich aufgeschlossen, verstehend undmittragend allem Neuem und heute und jetzt Notwendigem zuwendet. Denn dasist Marie Juchacz doch für uns alle geworden: ein Mensch, der die grosseTradition der Arbeiterbewegung in ihrem besten Sinne lebendig unter unsdarstellt und in dieser Tradition doch nicht verhärtet ist,- ein lebendi-ges Beispiel dafür, dass Alter ein Reichtum sein kann und kein Gegensatzzur Jugend ist, und über allem Diskutieren, Reformieren und Verändernwol-len einfach durch sein Dasein eine Verbindung schafft, die aus den Kämpfendes untergehenden Kaiserreich und den Erfahrungen der Weimarer Republik durch die Verbotszeit nach 1933 und das Lernen und Sehen in einem fremdenLande uns, die wir wieder ganz von vorne anfangen mussten, Hilfe und Be-stätigung ist.
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So hat Marie Juchacz ohne ein formal gegebenes*** und im Statut festgelegtes Amt einfach durch ihre Person ihre ständige Wirkung auf uns allegehabt, hat unermüdlich an unseren Sitzungen und Tagungen teilgenommen,hat das Land bereist, hat im Stillen so viele Schwierigkeiten und Unzu-länglichkeiten aus dem Wege geräumt, und ist dadurch zu einer ständigenQuelle der Hilfe und der Freude geworden.
Dafür ihr heute in dieser Schrift im Namen der Arbeiterwohlfahrt, die sieselbst gegründet hat, zu danken, und uns zu wünschen, dass uns der Reich-tum ihrer erfahrenen, gütigen und selbstverständlichen Menschlichkeitnoch lange erhalten bleibt, soll der Sinn dieses einleitenden Wortessein."
Alle Freunde hatten sich mit mehr oder weniger längeren Ausführungen zudiesem Tage gemeldet: Exich Ollenhauer, Herta Gotthelf , Paul Löbe , Ru-dolf Wissel, Friedrich Stampfer , Louise Schröder , Dorothea Hirschfeld ,Dr. Walter Friedländer , Hedwig Wachenheim , Erna und Jola Lang, Dr. Hans Hirschfeld , Herta und Erich Lewinski, Dr. Regina Kägi- Fuchsmann aus Zü rich , Jean Luyten vom
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