•
•
- 380-
nen Arbeitskonferenz ein langes und grundlegendes Referat hielt, dassie sorgfältig vorbereitet hatte:
" Ein paar Worte, die zugleich aber auch der Sache selbst zu dienenhaben, möchte ich zu Ihnen sagen. Ich habe in den letzten Tagen so einwenig geblättert in älteren und neueren Schriften der Arbeiterwohlfahrt,um daran festzustellen, wie schnell oder wie langsam die Arbeiterwohl-fahrt in den Jahren seit 1945 gewachsen ist. Und da muss ich Ihnen nunoffen gestehen: ich habe ein wenig Angst bekommen. Es wurde mir ganz be-sonders deutlich, dass die AW ein rapides Wachstum hinter sich hat, unddas in so kurzen Jahren. Ich wurde daran erinnert, dass es manchmal jun-gen Menschen so geht, dass sie hochschiessen und dass dann der Arztfeststellen muss, dass das Herz und andere innere Organe etwas zurückge-blieben sind, dass der Atem knapp wird und dass Gefahr im Verzug ist.Es ist eine sagen wir es ganz ruhig- etwas hektische Entwicklung inden letzten Jahren vor sich gegangen. Bei oberflächlicher Betrachtungkönnte man zu dem Schluss kommen: eine erfreuliche Entwicklung! Und eingesundes Wachstum. Das ist doch eine erfreuliche Kraft, die dahintersteckt! Ich will nun nicht etwa eine Gardinenpredigt halten. Eine Or-den Organisationsvertretern, die hier vor mir sitzen,
-
ganisation, deren lebendige Träger Sie sind, besteht aus Kindern ihrerZeit, die den Gesetzen einer sozialen Entwicklung folgen und mit derGesetzgebung Schritt halten müssen. Aus einer Entwicklung aber ergebensich Konsequenzen, denen man sich nicht entziehen kann. Sie verstehenalso, dass die etwas kritischen Töne, die ich anschlage, nun nicht imSinne eines Vorwurfs hier vor Ihnen ausgesprochen werden."
gute halbe
So sprach Marie fast eine ganze Stunde, setzte sich mit allem auseinanderwas sie bewegte, schnitt Probleme an, die bis dahin unbemerkt und unge-löst mit der Entwicklung mitgelaufen waren, schlug mit logischer Sicher-heit Brücken von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft, undwurde von allen verstanden.
-
Dass diese intensive Teilnahme an der Münchener Reichskonferenz weitüber ihre Kräfte ging, liess sie sich nicht anmerken. Alleine in ihremMünchener Hotelzimmer in der Schillerstrasse, konnte sie sich gehen lassen und
sank erschöpft ins Bett, Nachdem ihr Käthe Kirschmann- Fey noch eineSpritze gegeben hatte, um sie von den einsetzenden Schmerzen zu befrei-en, fiel sie in einen tiefen Schlaf, der sie so erfrischte, dass sie amnächsten Tag für einige Stunden wieder dabei sein konnte.Auch ihren Wahlsohn Fritz Roehl besuchte sie in seiner Münchener Woh-nung. Sie hatte ihn längere Zeit nicht mehr gesehen, und das Bedürfnis,sich einmal gründlich miteinander auszusprechen, war auf beiden Seitengleich gross. Am Spätnachmittag des letzten Tages der Reichskonferenz,