Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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gekommen, Männer und Frauen. Es lag vielleicht in meiner Arbeit,vielleicht auch an meiner Art, dass ich in so viel menschlich- see-lisches Leid hineinschauen musste. wenn der Einzelne mit seiner Ver-zweiflung, seinen Konflikten und Problemen zu einem von uns kommt,weil er sich nicht ohne menschlichen Beistand zu helfen weiss, ha-ben wir un zuerst die Frage nach dem' Warum?' vorzulegen. Nicht das' Moralisieren' ist dann unsere Aufgabe, und auch nicht das' Beurteilen müssen', oder gar das Verurteilen. Wir haben nur Rat zu gebenund Hilfe- wenn wir das können( es ist leider nicht immer möglich).Das Selbstverständlichste aber ist die Pflicht des Schweigens, da, xwo es notwendig ist, und erst recht dort, wo indiskretes Sprechendem anderen schaden kann.

Ich würde mich mit dieser" rfahrung nicht so lange aufhalten, wennich sie nicht bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder be-stätigt gefunden hätte."

Gedanken

Marie hat sich vielleicht deshalb ausführlicher mit diesen herkesXXXXяx beschäftigt, weil sie sich bei ihren Aufzeichnungen immerwieder überlegte, inwieweit die Diskretion gegenüber ihrem eige-nen Leben gewahrt werden könne, ohne die Darstellung ihres Lebensund ihrer Arbeit zu verfälschen oder durch Unvollständigkeiten zuverwässern. Der Biograph, der gerade dem Menschlichen dieser Fraugerecht werden will, steht schon deshalb vor keiner leichten Aufga-be, weil gerade" das Private", Maries persönlichste Situation, ihreigenes Erleben und manches Erlebnis ausserhalb jeder Politik oftder stärkste Motor war, der sie auch wenn es ihr selbst nicht klarwar oder sogarbewusst nicht klar sein wollte!- auf denWeg führte, den sie konsequent und in jeder Situation gegangen ist,auch in der Emigration, in der sie nicht in der Form Anteil amsozialen und politischen Leben nehmen konnte, wie es ihrem Tempera-ment und Bedürfnis entsprach. Als sich der Biograph eine halbesJahr vor Maries Tod in München mit ihr über diese Dinge unterhieltund den Vorschlag machte, ein Tonbandgerät zu Hilfe zu nehmen, umdie vielen Dinge, die mehr oder weniger ausführlich auch aus derprivaten Sphäre zur Sprache gekommen waren, festzuhalten, meinteMarie, dass es darauf nicht ankomme, denn es sei sowieso zu bezwei-feln, dass sich ein Mensch, der über sich selbst etwas sagt oderschreibt, sich wirklich so sähe, wie er ist. Sie denke dabei an dasBeispiel mit dem Spiegel, der lange Zeit das einzige Mittel für denMenschen gewesen sei, um sich selbst zu sehen. Als Fotografie und