Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Es war für Marie eine bittere Enttäuschung, dass die Sozialdemo-kraten in der Nationalversammlung nur mit 163 Abgeordneten vertre-ten waren. Sie fragte sich und rechnete, ob es möglich sei, dassder von der SPD nominierte Kandidat für das Amt des ersten Reichs-präsidenten, Friedrich Ebert , unter diesen Umständen gewählt wer-den würde oder nicht. Es war fast an ein Wunder, dass der Reichs-präsident am 11. Februar nach der Wahl Friedrich Ebert hiess. Wahr-scheinlich hatte der Weltkrieg alle früheren Konstellationen überden Haufen geworfen, denn von den mehr als 50% vor Beginn desKrieges sozialistisch gesinnten Arbeiterinnen und Arbeitern hat-ten bei der Wahl zur Nationalversammlung nicht* x* x* x* x* x* kkal ein-mal die Hälfte ihre Stimme für die SPD abgegeben. Es gab in Weimar noch 42 Deutschnationale, 21 Deutsche Volksparteiler, 75 Deutsch-Demokraten, 75 Christliche Volksparteiler, 22 Unabhängige und 10Splitter- Parteiler. Und in Deutschland ging es drunter und drüber.Hinzu kam der unselige Friedensvertrag, der schliesslich von Dr.Bell und Hermann Müller unterschrieben wurde. Die Diskussionen,Erwägungen und Prüfungen, ob unterschrieben werden solle oder nichthatten Tage und Nächte gedauert. In einem Brief Elisabeths ausKöln an Marie nach Berlin heisst es:

" Was wäre gewesen, wenn sich niemand zur Unterschrift gefundenhätte? Clemenceau hat keinen Zweifel daran gelassen, was dann ge-schehen würde.- Nach meiner Meinung hat wilson bei den ganzenundVerhandlungen keine Rolle gespielt, die Franzosen haben gegen alleVernunft gehandelt. So und so nimmt das kein gutes Ende."

Dabei sollte es ein guter Anfang werden.- In vielen Unterhaltungensagte Marie zu der bevorstehenden Entwicklung ihre Meinung, undmancher Parteifreund war der Meinung, dass sie zu schwarz sehe,wenn sie glaube, dass Deutschlands Wirtschaft Jahrzehnte benötigenwürde, um sich nicht nur von den Folgen des Krieges zu erholen,sondern auch die Bedingungen des Friedensvertrags zu erfüllen.Dass die Radikalisierung, die sich schon in dieser Zeit ganz rechtsund links in Putschen und Aufständen austobte, unter diesen innen-und aussenpolitischen Verhältnissen weiter um sich greifen würde,stand wie ein böses Menetekel im Schatten aller politischen Zu-kunftsgespräche, durch die maries eigene Aktivität allerdingsnicht beeinträchtigt wurde. Sie ahnte das Böse und wollte das Gu-te. Der alte Gedanke, während des Krieges schon einmal im Rhein-land diskutiert und wieder zurückgedrängt, tauchte wieder auf: dieArbeiterschaft muss der Arbeiterschaft helfen, die Not zu lindern.