Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Die Zuversicht von Marie war bewunderungsürdig:

" Sie werden uns genau so frei herausgehen lassen, wie wir das Haus be-treten. Wenn wirklich etwas geschehen sollte, wird es nur von kuraerDauer sein, dann sind wir wieder zu Hause."

Marie dachte dabei vielleicht an das Ausland, das sich unter solchenUmständen bestimmt eingeschaltet hätte, aberrechnete nicht mit

der Raffinesse der Nationalsozialisten, die die mutige Rede von Otto Wels , der als einziger Oppositions redner gegen das Gesetz sprach, an-hörten, auslachten, und die SPD - Abgeordneten ziehen liessen, um siedann desto gründlicher mit Methoden zu eliminieren, die normalerweisenur mit Mord bezeichnet werden können. Wenige Tage später wurde der Ab-geordnete Johannes Stelling aus einem kleinen Flusslauf bei Köpenick tot herausgefischt. Toni Pfulf beging aus Verzweiflung über diex Ent-wicklung Selbstmord. Einem Teil der SPD - Abgeordneten gelang es, nachPons, EnglandPrag oder Saarbrücken zu entkommen.[ Wanderjahre der Emigration]Damit egen Für Marie Juchacz und Emil Kirschmann ein Leidensweg, dererst 16 Jahre später für. Marie für Emil Kirschmann immer sein EndeJammerfinden sollte.- Während die SA das Häuschen in der Alten Dahlwitzer-strasse plünderte, gingen Marie und Emil bei Forbach - Saarbrücken überdie grüne Grenze.

Erna und Jola Lang, Freunde von Marie und Emil, die heute in Amerika le-ben, schrieben rückerinnernd:

" Wir wollen nur jener Daten und Ereignisse gedenken, die zu den grausig-sten der Menschengeschichte gehören, durch die Du, Marie, 1933- wieTausend und Abertausend andere vertrieben wurdest. Deine erste Stationwar das Saargebiet. Dort wurde aus der deutschen Reichstagsabgeordnetenplötzlich die Inhaberin eines Mittagstisches, der aber nicht nur seineGäste bewirtete, sondern zugleich der Mittelpunkt politischer Flüchtlin-ge wurde."

Während Maries Tochter Lotte, kurz vor ihrem letzten Examen stehend, inDeutschland blieb, zusammen mit Fritz, der in die thüringische Provinzging, um dort als chefredakteur in Apolda und Saalfeld- zwei" überpo-litische Tageszeitungen" gleichzeitig zu redigieren, war Maries SohnPaul ebenfalls nach Saarbrücken gegangen, um zuerst bei der Einrichtungdes Mittagtisches mitzuhelfen. Fritz kam einige Male- trotz Abriegelungder Grenzen nach Saarbrücken und stand vor der nicht leichten Aufgabe,sich für die Emigration oder für das Verbleiben in Deutschland zu ent-schliessen. Vor der letzten Entscheidung brachten Paul und Fritz es fer-tig, einige gefährdete Polizeibeamte ins Saargebiet zu schmuggeln, u.a.den Polizeiwachtmeister Grumbach, der es inzwischen im Saargebiet zu hö-