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ne, gütige Frau verkörpert sich in unseren Gedanken als ein Beispielfür all die guten Eigenschaften, die in jener Zeit stärker als sonst inunserem Leben entwickelt wurden. Die unerschütterliche Ruhe, die von ihrausgeht und die Selbstverständlichkeit des Helfens überzeugten ohne je-de Worte. Sie brauchte garnichts zu sagen, sondern einen nur anzusehen,wenn sie einen Akt der Solidarität, der Hilfe, erreichen wollte. Es wareine starke Wirkung, die von ihr ausging: die Wirkung des Menschen, vordem man nicht bestehen kann, wenn man das berechtigte Anliegen, das eran einen hat, nicht ausführt und Maries Anliegen waren immer berechtigWir haben noch unsere erste Begegnung am Bahnhofsplatz in Marseille vorAugen, an einem dunklen Abend, in der Illegalität. Alles war nervös,rings um uns herum fanden Razzien und Verhaftungen der Menschen statt,die das gleiche Schicksal trugen wie wir. Marie verlor nie ihre Ruhe. Vorihr ging eine Sicherheit aus, die ansteckend wirkte.- Als wir dann amPier in New York standen, um den Dampfer, der Marie von Frankreich überMartinique nach New York brachte, zu erwarten, hatten weder die Mühender Reise noch die Aufregungen der Wanderschaft etwas von ihrer Sicher-heit genommen, eine Sicherheit und Ruhe, die nur ein ganz starker Menschaufbringen kann."
Der heutige Pressedirektor des Berliner Senats, Dr. Hans E. Hirschfeld,in der Weimarer Republikzeit Ministerialrat im Preussischen Innenmini-sterium und in dieser Zeit nicht nur ein Kollege, sondern einer der be-sten Freunde von Emil Kirschmann , erlebte viele stationen gemeinsam auchmit Marie Juchacz . Zu ihrem 75. Geburtstag am 15. März 1954 schrieb er:
" Andere, Berufenere, werden die Politikerin Marie Juchacz , die Gründerinder Arbeiterwohlfahrt, eine der grossen Frauengestalten der deutschen Ar-beiterbewegung, schildern und ehren. Ich will nur von unserem gemeinsamenErleben sprechen. Wir haben uns gekannt, oft getroffen und freundschaft-lich miteinander verkehrt in den Jahren der Weimarer Republik , als Ma rie Juchacz , die rastlos tätige Reichs tagsabgeordnete, Mitglied des Par-teivorstandes der deutschen Sozialdemokratie, Vorsitzende der Arbeiter-wohlfahrt, ein unruhiges, mit den politischen Sorgen dieser Zeit ausge-fülltes Leben führte. Die freundschaftlichen Bande, die über unseren Emil Kirschmann und Elisabeth Kirschmann- Roehl, die beiden unvergesslichenMenschen, geknüpft waren, hielten auch uns in Freundschaft zusammen.Doch die wahre menschliche Grösse dieser Frau zeigt sich erst ganz inder Zeit nach 1933 ,, als das Grauen Hitlers und des Nazismus überDeutschland kamen. Da habe ich den Menschen Maria Juchacz erst rich-