Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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tig erfassen und liebek gelernt. Die Partei und ihre Organisationenwurden zertreten wir wurden hinausgetrieben aus Deutschland , dashicht mehr unser Deutschland war, herausgerissen aus der Bahn, ausder tägöich gewohnten und geliebten Arbeit, Männer und Frauen. Ratlosviele, hilfslos alle, nicht wissend wohin, nicht wissend, wovon leben.

Du, Marie, hast in Saarbrücken ohne viel Worte den vielen Schicksalsge-nossen ein Beispiel gegeben, wie man versuchen muss, auch unter denwidrigsten Umstanden Hand anzulegen, zu arbeiten, zu helfen. Ich sehenoch in der Bahnhofstrasse in Saarbrücken die Räume, in denen Du, dasParteivorstandsmitglied, die Reichstagsabgeordnete, die Politikerin,ohne viele Worte zu machen, in der Küche standest, einen Mittagstischeinrichtetest und damit einen Zufluchtsort und ein Heim für die vielendurcheinandergewürfelten Menschen schufst, die Du mit Speise und Trankund mehr noch durch Zuspruch versorgtest. Du hast gekocht, gewaschen,warfst hin und wieder einige Bemerkungen in die Diskussionen, die vonmorgens früh bis abende spät gingen, Du hast geklärt, geschlichtet undgeholfen. Die ganze grosse Menschlichkeit, Deine Güte und Deine prakti-sche Nächstenliebe haben sich mir damals im hellsten Licht gezeigt, sodunkel und so wenig gemütlich auch diese Wohnung in der Saarbrückener Bahnhofstrasse sein mochte. Und was im Jahre 1935, wenige Wochen nachdem Beginn des" Dritten Reichs ", von Dir geschaffen wurde, das hastDu fortgesetzt in den trüben und schweren Jahren der Emigration, desWanderas durch die Länder und Kontinente, in Sarbrücken, Metz , Mlhausen,Paris , Marseille , auf Martinique und später in New York . Die praktischeNächstenliebe, die täglich bewiesene Bewährung in den widrigsten Tagendieses Lebens hast Du gezeigt und ohne viele Worte und ohne jeden Auf-wand uns allen ein Beispiel gegeben, das viele Jüngere verstummen liess,die geneigt waren, über das harte Los der Emigration zu klagen.Marie in der Küche, Marie an der Nähmaschine, im Haushalt, in der Wasch-küche, als Mutter, aber auch Marie in den Versammlungen der Gruppenund Zirkel der Emigranten, gleich ob es in Frankreich , in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten war. Du warst immer die gleiche, Marie,immer die starke, die Gebende aber auch die Hörende. Jeder, der indiesen Jahren mit Dir zusammenkam, fühlte: hier ist ein Mensch, derüber eigenen Leid und eigenem Ungemach niemals vergisst, dass wir Men-schen dazu da sind, einander zu helfen, zu stützen und zu beraten.In diesen Jahren von 1933 ab, da ist unsere Gemeinschaft in vielen Leidund wenig frohen Stunden gewachsen, da wurde das Band noch enger ge-knüpft, das uns umschlungen hielt, und das durch nichts zerstört werden

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