Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Dass sich Kinder, wenn sie erwachsen sind, gerne und in den meistenFällen von ihren Eltern nicht nur äusserlich, sondern auch menschlichentfernen, ist kein Einzelfall, der nur auf Lotte Juchacz zutrifft, son-dern gehört zu den zwangsläufigen Entwicklungs- und erscheinungsformendes menschlichead Daseins. In diesem Falle umsomehr, als sich Lotte zueiner inzelgängerin entwickelte, die es schon in jungen Jahren denMenschen, mit denen sie auch privat zusammenkam, schwer machte, engerenKontakt zu finden. Wer wie der Autor- Mutter und Tochter sehr gutkennt, sieht darin keine menschliche Tragik, sondern eher Ähnlichkei-ten, also gleichnamige seelische, geistige und menschliche Pole, diesich bekanntlich nicht anziehen, sondern abstossen.

Wenn Lotte es fertigbrachte, während der ganzen Nazizeit ihrer Tätig-keit als Rechtsanwältin nachzugehen ,, ohne ein Jota ihrer Meinung undÜberzeugung preis zugeben, und wenn sie trotz allem zwar nicht unbehel-ligt, aber ungeschoren blieb, verdient das Anerkennung genug.

Das Verhältnis von Paul zu seiner Mutter und umgekehrt war deshalbfreundlicher, weil Paul schon während seiner Kindheit durch die vielenUnglücke, die er hatte, zum Sorgenkind geworden war. Als dann Paul inSaarbrücken seiner Mutter zur Hand ging und mit seinen grossen undstarken Landwirts- Händen schwerbeladene Porzellan- Tabletts von der Kü-che in den Speiseraum trug, den Emigranten und Flüchtlingen das Es-sen servierte und sich überall dort, wo es notwendig war, nützlich er-wies und zupackte, ohne eine Wort darüber zu verlieren, entwickeltesich zwischen dem erwachsenen Sohn von 26 Jahren und seiner Mutter einneues menschliches Verhältnis, das vorher durch die ständige und langeAbwesenheit Pauls aus dem Elternhaus ein wenig gelitten hatte. Mariehatte in Paul für ihren Mittagstisch die beste Hilfe, und trotzdembemühte sie sich, eine bessere Tätigkeit für ihn zu finden, obwohl siewusste, dass ihre eigene Arbeit dadurch noch mehr anwachsen würde. Emilbemühte sich gleichermassen, bis es den beiden gelang, Paul auf demGutsbetrieb eines saarländischen Parteifreundes als Verwalter unter-gehenzubringen. Orne zu ahnen, welchen Leidensweg seine Mutter noch subicklagen würde, legte Paul damals die Grundsteine für die Brückenpfeiler,über die Marie Juchacz später aus der amerikanischen Emigration nachWeissenthurm auf das von Paul verwaltete Nette- Gut zurückkehren konnte.