Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Sat 24

Inzwischen wuchs die kleine Stadt Landsberg, die industriellen Anlagenmehrten sich, Wohnhäuser wurden gebaut. Aber trotzdem war es noch immereine politisch zurückgebliebene Stadt. Als mein Bruder- es war im Jahre1889 seine Gesellenprüfung machte, dachte noch niemand an eine Gewerk-schaft in unserer Stadt, auch nicht für Maurer und Zimmerleute. Da gab esnoch eine Prüfung mit" Bundeslade", alten Sprüchen, mit ganz feierlicherHandlung nach altem Handwerksbrauch. Das Ganze wurde gekrönt durch einenfestlichen Umzug der alten und jungen Gesellen. Die Jung- Gesellen trugendas Winkeleisen, das durch einen Stab verlängert xxx und mit den Kakkanxxx aus Messing geschnittenen Emblemen des Handwerks gekrönt war. Umden ganzen Stab waren Blumen gewunden und mit bunten und wehenden Bän-dern geziert. Auch die jungen Maure gesellen waren entsprechend ge-schmückt. Für mich als zehnjähriges Mädchen war das damals eine interes-sante und aufregende Angelegenheit, und die ganze Stadt nahm an diesemEreignis teil. Am Abend gab es einen Ball, bei dem dann die Junggesel-len oder ihre Meister und Väter ein bestimates Quantum Bier spendierenund bezahlen mussten. Als ich sechs Jahre später zur Arbeit ging, erstin einen Haushalt, dann in die Fabrik, war noch immer keine Gewerkschaftvorhanden. Das kam erst sehr viel später.

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Wieder

Unser Bruder Otto wurde Soldat, als ich noch zur Schule ging. Wie diemeisten Burschen dieses Alters hat er mich oft recht rauh behandelt. Trotdem hatte ich, als er fort war, grosse Sehnsucht nach ihm. Als er einmalauf Urlaub kam, machte es grossen Eindruck auf mich, dass er zu mir, dernun vierzehnjährigen, so ritterlich wer. Ich muss mich aber einmal de-spektierlich über seine Uniform geäusert haben, denn ich erinnere michan seine ernste Belehrung darüber, dass er" des Königs Rock" trage unddass er stolz darauf sei, ihn tragen zu dürfen. Als der Obergefreite derArtillerie aber dann, nach dreijähriger Dienstzeit, zurückkehrte, warein Jahr nach diesem Intermezzo erklärte er mir in seiner ernsten undetwas umständlichen Weise, dass er- und warum er Sozialdemokrat gewor-den sei. Er gab mir mit vielen Erklärungen einen Texte des Erfurter Par-teiprogramms. Den ersten Teil verstand ich nicht, und seine Erklärungenmachten mir auch nicht verständlicher. Uber den zweiten Teil, der sichmit Gegenwartsforderungen befasste, haben wir viel und ernsthaft disku-tiert, wobei wir durchaus nicht immer einer Meinung gewesen sind. Ichkonnte mir unter einer politischen Partei kaum etwas vorstellen, und ei-nen sozialdemokratischen Parteiverein gab es bei uns noch nicht. Aberich habe bei diesen Debatten über das Erfurter Programm schon damals maneches gelernt. Es lehrte mich, über die allgemeinen Dinge nachzudenken,den Staat als etwas anzusehen, woran alle Menschen Anteil nehmen müasen.Aber schon vorher bin ich auf politische zusammenhänge aufmerksam gewor-den. Unser Vater war immer zum Wählen gegangen. Es kamen dann kleine