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Der sehr freundliche Mann, dem sie in kurzen und klaren Wortensagte, dass sie in der Irrenanstalt arbeiten wolle, machte sicheinige Notizen, schrieb sich Namen und Adresse der Eltern auf, undbat sie, nach einigen Tagen noch einmal vorbeizukommen. Eine festeZusage könne er ihr nicht geben, denn eigentlich sei sie für einePflegerin noch viel zu jung. Aberbie hatte Glück:
" Es war Zufall, dass ich bald nach diesen aufregenden Tagen dieAufforderung erhielt, den Dienst anzutreten, sodass ich nicht ar-beitslos warde und auch im Verhältnis ganz bedeutend mehr verdien-te. Diese Art der Arbeit sagte mir auch viel mehr zu. Zweiundein-halbes Jahr war ich Wärterin in der Provinzial- Landes- Irrenanstaltzu Landsberg .
Auch heute ist es so, dass in den" Heil- und Pflegeanstalten", wiesie nun heissen, weibliche Kräfte ohne Vorbildung eingestellt wer-den. Wir wurden nur angelernt. Heute machen die künftigen Pflege-rinnen eine richtige Lehrzeit durch. Sie erhalten neben der prak-tischen Unterweisung auch theoretischen Unterricht, machen einExamen und führen den Schwesterntitel.
Wir mussten damals sehr schwer und sehr lange arbeiten. Freilich gab esdurch den Direktor, die Ärzte und die Oberin den schwachen Versuch einertheoretischen Ausbildung und menschlichen Erziehung, was jedoch völlig un-zureichend war, um Wissen und Kenntnisse vollwertig abzurunden. Doch lern-te ich zweifellos sehr viele Dinge gründlich kennen. Das waren vor allemSauberkeit und peinliche Ordnung, dann die Einordnung in etwas Ganzes,Geschlossenes, also zwangsläufig damit verbunden die straffe Einteilungund Einhaltung der Arbeitszeit nach Minuten. Aber auch das Aufgehen imKrankenbetrieb und die Teilnahme am Kranken selbst wurden uns gelehrt undauch zur Pflicht gemacht. Darum war vor allem der Direktor der Anstalt be-müht, ein Mann, den ich als Mensch und Persönlichkeit in bester Erinne-rung habe. Doch kam es bei allem sehr stark auf die Veranlagung und Auf-nahmebereitschaft von uns Mädchen an. Trotz des besten Willens von meinerSeite stellte ich sehr schnell fest, dass der am deutlichsten spürbareMangel dieser Anstalt darin bestand, dass trotz aller Bemühungen kein Sy-stem vorhanden war, weil sich das bischen Theorie, das Wenige über Be-rufsethos und die Praxis auf neben- und nicht miteinanderlaufenden Wegenabspielten. Auch waren die Arbeitsbedingungen viel zu hart, sie lassensich mit den Zuständen in den heutigen Pflegeanstalten garnicht verglei-chen. Unser Dienst begann im Sommer morgens um 5 Uhr, wenn uns die Glockevom Turm der Anstaltskirche weckte. Er ging durch bis 9 Uhr abends. Auch