Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Die Fortschritte, die Marie in der Weissnäherei und Schneiderei machte,waren so beachtlich, dass sie schon nach einem Jahr private Schneiderei-aufträge annehmen und ausführen und sich dadurch zusätzlich zur Ausbil-dung Geld verdienen konnte. Sie kam nicht nur in beruflichen Kontakt mitanderen Menschen, sondern wurde auch in Gespräche verwickelt, die sichmit den öffentlichen, wirtschaftlichen, industriellen, sozialen und po-litischen Breignissen beschäftigten. Um dabei mitreden zu können, war esnotwendig, sich mit der Problematik dieser Dinge intensiv zu kxxakäfkix** и befassen. So sah Marie mit lebendigen Interesse die Stadt Landsbergund ihre Menschen nicht nur in der Gesamt- Entwicklung, sondern zog ausmanchem Detail ihre eigenen Schlüsse:

" Landsberg war eine Industriestadt geworden. Eine grosse Maschinenfabrikwar aus ehemals kleinen Anfängen entstanden. Der Familienbesitz war ineine Aktiengesellschaft ungewandelt worden. Die bereits erwähnte Netzfa-brik hatte ihren Betrieb nach verschiedenen Richtungen hin erweitert. DerBesitzer einer ehemals schon ganz respektablen Sackfabrik baute eine grosse Jutespinnerei und zog auswärtige, hauptsächlich ausländische Arbeits-kräfte mit ihren Familien heran, Italiener und Böhmen , letztere aus demdamals österreichischem Gebiet. Aus diesem Zuzug entstand eine grosseWohnkolonie, zu der die" Einheimischen" in der ersten Zeit keinen Zuganghatten. Die Stadt wuchs ständig von aussen her. Die grossen Bauern undGutsbesitzer der Umgebung fanden es zweckmässig und lohnend, jährlich imSommer und Herbst Landarbeiter aus den polnischen Gebieten kommen zu las-sen, Saison- Erntearbeiter, Schnitter, Mrescher und auch Landarbeiter, diemit dem Viehzeug umgehen konnten. Diese Arbeiter gingen im Winter nur zueinem kleinen Teil wieder in ihre Heimat zurück, der grosse Rest ging indie Stast Landsberg und suchte sich dort Arbeit und Wohnung. Die Frauenund Mädchen erwarteten hier oft ihre Niederkunft. Ging das im Sommer ver-diente Geld zur Neige, musste die ganze Familie zur Arbeit. So wurden siesesshaft. Die Gutsbesitzer liessen neue Erntearbeiter kommen, die sichebenfalls im Winter in der Stadt festsetzten. So ging das Jahr um Jahr,wie an einer Kette. Die Stadt wuchs, und mit ihr die Industrialisierung.Die fleissig ausgenutzte Gewerbefreiheit hatte sich auch im sozialen undkulturellen Leben der Stadt ihren Ausdruck gesucht. In der Heimatkundeder Schule hatte ich mit acht Jahren noch gelernt, dass Landsberg 20000Einwohner beherberge. Nun waren es 40 000, und Landsberg war inzwischenlängst Kreisstadt geworden. Das alles in zehn bis zwölf Jahren.Auch in der Arbeiterschaft machten sich die Strömungen der Zeit bemerk-bar. Nachdem die Zimmerer und Maurer mit der Gründung ihrer gewerkschaft-lichen Organisation vorangegangen waren, entwickelte sich das Organisationleben der Arbeiterschaft folgerichtig weiter. Aus dem Baugewerbe entstand