-53-
ren eine grosse Last. Die kindliche Kameradschaft der jungen Schwesterwar mir eine grössere Stütze, als mir wohl damals selbst ganz zum Bewusst-sein gekommen ist. Ebenso war es aber auch das Eindringen in die sozia-listische Ideenwelt, die mir sehr geholfen hat, mein Schicksal zu tra-gen.
War mir, der Älteren, oder gar der nun sechszehnjährigen Elisabeth dieseEntwicklung bewusst? Ja und nein. Später haben wir es bestimmt klarer ge-sehen. Ein intuitives Erfassen der Dinge aber war es bestimmt.- Einekleine Episode, die mir gerade einfällt, möchte ich zwischendurch erzäh-len.
Der bereits erwähnte Lagerhalter der Konsumgenossenschaft, mit dem wir oftdiskutierten, amüsierte sich wohl im stillen über den Enthusiasmus des jun-gen Kindes. Er neckte und ärgerte Elisabeth mit dem" Strohfeuer", daslichterloh in ihr brenne. Einmal sagte er ihr, dass dieses Feuer bei derLektüre des ersten sozialistischen Buches, das er ihr geben würde, sofortund für immer verlöschen müsste.
" Dann stelen Sie mich doch mal auf die Probe!", war Elisabeths Antwort.Er gab ihr den ersten Band von Karl Marx '" Das Kapital ". Nicht etwa dieVolksausgabe, die kam ja erst 20 Jahre später heraus. Und nicht etwa einevolkstümliche Interpretation der Marx'schen Lehre.
Das Kind begann, das Buch zu lesen, besorgte sich einige Fremwörterbücherzur Hilfe und kan natürlich nicht weiter, weil ihr jede Vorschulung fürdas Verstehen der Materie fehlte. Ich wusste zuerst davon überhaupt nichtsSie quälte sich des nachts damit ab, wenn ihre Arbeit getan war. Etwas später sagte sie es mir. Sie war sehr unglücklich wegen ihrer Dummheit, undich versuchte, sie damit zu trösten, dass selbst ich fast zehn Jahreälter Schwierigkeiten hätte, das, was Karl Marx in diesem Buch geschrie-ben hätte, bis zum letzten Wort genau zu verstehen.
1106
Als Elisabeth- Jahre später einmal in unsere Vaterstadt zurückkam, umeiner Parteipflicht zu genügen, hat sie den Lagerverwalter lächelnd ge-fragt:" Nun? Glauben Sie noch immer, dass es ein Strohfeuer war, das damalsbrannte?" Der gute Mann war sichtlich verlegen, und er fragte sich nach-träglich, ob es nicht eine kleine Torheit war, ein wissbegieriges Menschenkind mit einem der am schwersten verständlichen Werke der sozialistischen Literatur abzuschrecken.
Die Zeit ist auch der BeginnTistischer Zeitungen. Wenn ich
der gemeinschaftlichen Lektüre sozia-
es war dies in der Familie mein freiwil-
liges tägliches Amt- den Leitartikel und den Parlamentsbericht der" Volksstimme"( sie erschien zuerst in Frankfurt/ Oder , in Kottbus , dann inLebus ) vorgelesen hatte, holte sich Elisabeth die Zeitung von mir. Es gabdaraus Gesprächsstoff mit vielen wissens hungrigen Fragen. Nichts über die-se Provinzzeitung, sie hatte einen stark informatorischen Charakter, der
in der Elisabeth sich an mich anschloss,