Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Leitartikel behandelte ein sozialistisches Problem oder nahmwegen drohender Bestrafung in der Form vorsichtig, in der sozialistischen Haltungaber sehr entschieden zur Lage der Arbeiterklasse stellung. Wichtig warauch immer der Parlamentsbericht. Es waren die Reden der sozialdemokrati-schen Abgeordneten" zum Fenster hinaus". Man sage nichts dagegen, denn eswar Notwehr. Grosse Summen haben die Arbeiter von damals aufgebracht, umalle Strafen wegen" Majestätsbeleidigung" und anderer Dinge, die von denStrafrichtern zwischen den Zeilen herausgesucht wurden, zu zahlen. HoheGefängnisstrafen wurden über die verantwortlichen Zeitungsredakteure ver-hängt. So mancher Arbeiter zeichnete verantwortlich, war sogenannter" Sitzredakteur", um den begabteren und geschulteren, verantwortlich nicht inErscheinung tretenden Redakteur für die notwendige Arbeit zu erhalten.Aber der Abdruck von Parlamentereden war straffrei. Uns haben sie damalsin ihrer Schärfe und Ausführlichkeit zum Verstehen der politischen Zusammenhänge geholfen.

Man glaubt es heute kaum noch, wie eine einzige kleine Provinzzeitung aus-gewertet werden, und wie man sich dabei im Denken, Sprechen und inder Verarbeitung des Gedachten und in der so wichtigen Interpretationüben kann, wenn man interessiert ist und Ausdauer hat. Es blieb natürlichnicht bei den Debatten, die sich immer an die Lektüre der Artikel anschlossen, sondern pflanzte sich fort in einem weiteren Freunde s- und Bekann-tenkreis, mit dem man nach Feierabend zusammentraf. Ich lernte dadurchverschiedene Dinge: die Bedeutung des Staates für die Menschen, die ineinem Staat leben, bekam ferner ein Urteil darüber, wie dieser Staat be-schaffen war und wie man ihn sich denken kaxxka und wünschen konnte, lern-te die Macht und die Ohnmacht des damaligen Reichstages kennen, und Vielesüber die Lage der lohnarbeitenden Menschen. Vor allem lernte ich eins:ganz allgemein zu denken, also nicht mit der Vorstellung von mir und mei-ner nächsten Umwelt als Mittelpunkt des Denkens, sondern betrachtete michals einen kleinen, aber wichtigen Teil des Ganzen. Und aus der Fernelernte ich die Vertreter der Sozialdemokratie als Persönlichkeiten kennen:August Bebel , Wilhelm Liebknecht , Paul singer, Ignaz Auer , Zubeil, Stadt­ hagen , antrik u.a. wurden mir ein Begriff. Gelegentlich sah man ihre Bil-der, man hatte einen lebendigen Eindruck durch den fast wörtlichen Ab-druck der Reden in den" eitungen, und bekam auch gelegentlich eine persön-liche Schilderung direkt zu hören, wie zum Beispiel 1903, als der Reichs­ tag neu gewählt wurde und Berliner Redner, natürlich auch der Reichstagskandidat für den Wahlkreis Landsberg / Soldin in unsere Stadt kamen. Letzterer,Wilhelm Pätzel, hat sehr oft auf den Dörfern um Landsberg herum selberseine Einladungen von Haus zu Haus getragen und hat am Abend seine Ver-sammlungen selbst leiten müssen, wenn ihn die Bauern überhaupt sprechen