Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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liessen. Es gehörte sehr viel ut und noch mehr Uberzeugungstreue dazu,das alles durchzuführen und seinen Humor dabei zu behalten. Den hatte Wil-helm Pätzel, und dazu eine anschauliche Art, die Dinge einfach und klardarzustellen und sich auch sprachlich in die Zuhörer hineinzufühlen. Erwar früher als junger, intelligenter und wissenshungriger Arbeiter in dieFamilie Wilhelm Liebknechts hineingezogen worden, hatte auf diese Weiseeine grössere Anzahl führender Sozialdemokraten persönlich kennengelernt,und hatte ausserdem viel und intensiv gelesen. So war es wohl gekommen,dass er in der Verlagsbuchhandlung der Sozialdemokratischen Partei einewichtige Stellung inne hatte. Bei den Unterhaltungen, die sich an dieVersammlungen anschlossen, war ich eine aufmerksame Zuhörerin. Jedenfallswurde unsere kleine Gruppe in dieser Wahlzeit 1903 in Spannung gehalten.Alles, was damit zusammenhing, interessierte mich brennend, ich las jedesFlugblatt mit grösster Aufmerksamkeit, und die Vokszeitung erwartete ichtäglich mit Ungeduld. Als die Wahlresultate der Stadt bekannt wurden, ju-belten wir und glaubten, den Sieg schon zu erleben. Am nächsten Tage, beintröpfelnden Bekanntwerden der ländlichen Ergebnisse, schien mir die Weltunterzugehen. Das alles mussten wir nun erst mit unserem ungeschulten Ver-stand verarbeiten, einschliesslich der Hoffnungen und Enttäuschungen.Überhaupt das Jahr 1903.- Mit leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgtenwir den heldenmütigen Kampf der Crimmitschauer Textilarbeiter. Es wargarnicht zu begreifen, dass so viel Treue und Tapferkeit dieser Männerund Frauen nicht mit dem endlichen Sieg abschliessen sollte. Die den ar-men Textilarbeitern aufgezwungenen Lebensbedingungen, der Hunger, das E-lend der arbeitenden Frauen und xxx Kinder, das erwachende Bewusstseinin dieser zum Verhungern verdammten Arbeiterschaft, und auf der anderenSeite das sture und unerbittliche Verhalten des Unternehmertums in diesemungleichen Kampf und angesichts der erbärmlichen kxg sozialen Lage ihrerArbeiterschaft, an der sie sich doch moralisch schuldig fühlen mussten,wenn sie nicht alles menschliche Fühlen verleugnen wollten. Das alles zu-sammen zeigte uns das Gesicht der Klassenkämpfe aus der damaligen Zeit.Diese Erfahrungen haben die Arbeiterschaft in ihren Werden und Verhaltengeformt. Die Behörden standen von vornherein und ohne jeden Skrupel au fSeiten der Unternehmer. Jeder Gesetzesparagraph, der in diesem Kampf nurin der unternehmer günstigen Form zu deuten oder unzubiegen war, wurde zumSchaden der un ihr Lebensrecht kämpfenden Textilarbeiterschaft angewendet.Die beispiellos tapferen Arbeiter und arbeiterinnen und die hungernden Kinder hatten keine anderen Freunde als die übrigen arbeitenden Menschen, diesich aus eigenen Erleben in ihre Lage hineinversetzen konnten. Trotz ih-rer schmerzlichen Niederlage haben die Crimmitschauer Textilarbeiter undandere nicht umsonst gekämpft. Die Tränen ihrer Frauen waren Dünger undSaat für den Fortschritt, der heute im Zeitabschnitt eines falsch ver-