Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Der Anfang i n Berlin

Die Absicht, Landsberg zu verlassen, liess sich nicht so schnell ver-wirklichen, wie es Maries Wunsch war. Dass nur Berlin in Frage käme,stand von Anfang an fest. Umsomehr, als Bruder Otto inzwischen ausLandsberg fortgezogen, vorübergehend in Küstrin gewesen und dann end-gültig nach Berlin gegangen war, wo er sich mit seiner schon auf sechsKöpfe angewachsenen Familie in der Stralauer Allee 20 b ansiedelte.In dieser Zeit stand Marie mit Bruder Otto in ständigem Briefwechsel,um sich nach allem zu erkundigen, was für sie von Bedeutung war. In je-dem Antwortbrief erklärte Otto, dass Marie jederzeit nach Berlin kommenund zuerst einmal bei ihm Unterkunft finden könne, auch jetzt, gegen En-de des Jahres 1905, wo Ottos Frau Eveline das fünfte Kind erwartete. FürMarie gab es eine Fülle von Problemen, die richtig durchdacht und ge-klärt werden mussten. Ha 1s- über- Kopf- Entschlüsse hat es auch damals,wie niemals in ihrem Leben, gegeben. Nachdem Marie und Bernhard Juchaczübereingekommen waren, sich zu trennen, war es dennoch nicht möglich,sich mit der zwei Jahre alten Lotte und dem Sechs- Monate- Baby Paul ein-fach in den Zug nach Berlin zu setzen und die Brücken hinter sich abzu-brechen. Elisabeth, siebzehnjährig, nahm auch an den Gesprächen über die-ses Thema teil und erklärte unmissverständlich, dass sie zusammen mitSchwester Marie nach Berlin gehen würde. Das sei keine Belastung, son-dern im Gegenteil eine Hilfe für Marie. Sie, Elisabeth, könne sich umMaries Kinder Lotte und Paul kümmern und dabei sogar noch Heimarbeitenausführen, denn sie habe ja nun auch die Näherei und Schneiderei er-lernt und sei eine gute und fleissige Schneiderin, die mehr dazuverdie-nen könne, als sie selbst verbrauche. Das klang sehr optimistisch, abergenügte doch noch nicht, um Marie zu einem schnelleren Entschluss zubringen. Da waren ja noch die Eltern, Vater Gohlke, bald 65 Jahre alt,und die Mutter, die sich manches Mal während der Hausarbeit hinsetzenund ausruhen musste. Vater Gohlke arbeitete zwar noch und verdiente soviel, dass es gerade zum Sattwerden reichte, aber die Zuschüsse, die ervon Marie und Elisabeth erhielt, trugen trotz ihrer oft geringfügigenHöhe dennoch dazu bei, den altwerdenden Eltern das Dasein etwas erfreu-licher zu machen.

Ausschlaggebend war endlich, zu Beginn des Jahres 1906, ein Brief vonOtto aus Berlin , der nicht nur eine grössere Wohnung im gleichen Hausebekommen, sondern auch für sofortige Heimarbeit für Marie und Elisabethgesorgt hatte. Es gab noch einmal eine recht ausführliche Unterhaltung