Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Marie Juchacz hatte zu dieser ersten Unterhaltung selbstverständlichihre Schwester Elisabeth mitgenomen, die sie auch bei späteren Be-suchen begleitete. Sie sagte darüber:

" Dieses Gespräch und seine Fortsetzungen liessen uns Schwesternmanches, was uns bei der Lektüre der" Gleichheit" und anderer so-zialistischer Frauen Schriften nicht immer verständlich war, aus derMöglichkeit des Vergleichs mit den Bestrebungen bürgerlicher Orga-nisationen besser verstehen.

Unsere Schöneberger Zeit von 1907 bis 1908 war überhaupt sehr be-wegt. In Essen hatte der Parteitag stattgefunden, der von 19 Genos-sinnen aus dem ganzen keich beschickt worden war. Durch die" Gleich-heit, den" Vorwärts" und durch die Berichterstattung der Genossin,die nach Essen delegiert war, wurden wir in Atem gehalten. August Bebel hatte sich wieder einmal für die sozialdemokratische Frauen-bewegung eingesetzt und erreicht, dass die männlichen Parteimit-glieder sich verpflichteten, diese Bestrebungen intensiv zu unter-stützen.

Auch zwischen der proletarischen Frauenbewegung und den Gewerkschaf-ten gab es von Anfang an sehr viele Berührungspunkte, genau so wiezwischen den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei. Wir,auf der' unteren Ebene', hatten die Anregungen, die von den Aongres-sen und von den zentralen Stellen kamen, stofflich- geistig aus dersozialen Lage des Proletariats heraus zu verarbeiten und in diepraktische Arbeit zu übertragen. So hatte sich zum Beispiel dieSozialdemokratische Frauenkonferenz in Mannheim ( 1906) schon mitder' Dienstbotenfrage befasst. Helene Grünberg , Arbeitersekretärinin Nurnberg , hatte dort eine moderne Haus angestelltenorganisationins Leben gerufen. Auf der Mannheimer Frauenkonferenz hielt sie über' Die Dienstbotenfrage' ein Referat.( Ich gebrauche im folgenden mitvollem Bedacht, aus Gründen der' Illustration', die Terminologieder damaligen Zeit. Worte und Begriffe haben sich inzwischen demfortgeschrittenen Denkkn entsprechend geändert). Die in Mannheim auf-gestellten Forderungen waren auf die Erfahrungen der Gewerkschaftenabgestimmt.- Eine a usserordentliche sozialdemokratische Frauenkon-ferenz im November 1907 in Berlin stellte dann mit Genugtuung fest,dass die Gewerkschaften ganz im Sinne unserer Vorarbeiten operiertenund dass die Organisierung der Dienstboten in den Orten mit einer le-bendigen Frauenbewegung, von diesen gefördert, einen starken Auf-trieb erhalten hatte. Die Organisation sollte das Mittel sein, umdurch Selbsthilfe die versklavende Gesindeordnung auszuschalten unddie soziale Lage dieser Dienstboten- Frauenschicht zu heben.