Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

84

295-

Im Moment fühle ich auch noch nicht die Berufung dazu, ganz abgese-hen davon, dass die Generalversammlung bestimmt nicht eine Unbekann-te wählen würde.

" Ja, wir kennen Sie aber. Wir wissen, dass Sie in Schöneberg denFrauenverein geleitet haben und glauben auch, dass Sie es hier

schaffen werden."

Ich hatte wirklich grosse Bedenken. Elisabeth gab mit ihrem Zuredenwieder den Ausschlag.

Bei der Arbeitsverteilung im neuen Vorstand hiess es, dass uns bei-den Frauen die Pflege der Frauenbewegung obläge. Ausser mir war nochata Gertrud Scholz da, die Frau des Vorsitzenden, eine treue Kamera-din, mit der mich im Laufe der Zeit eine gute Freundschaft verband.Der Genosse F. sei uns als Beistand zugeteilt. Mit ihm könnten wir,wenn wir Zweifelhätten, alles besprechen. Der Vorstand würde sichdann nur mit den ausgereiften Sachen beschäftigen und eventuell be-schliessen. Wir hätten weitgehend freie Hand, man erwarte von Zeitzu Zeit nur Bericht.

Es war ein gutes Arbeiten mit dem Genossen P., er hatte Verständnisfür unsere Pläne und stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Er hatteauch immer Zeit für uns, mankonnte schnell mal auf den Wege bei ihmin der Vorwärts'- Filiale vorsprechen. Zu den dann regelmässigenBesprechungen in seinem Laden stand uns ein kleiner, ausgesuchterFrauenkreis zur Verfügung.

Einmal konnte ich mich mit ihm alleine unterhalten.

" Sagen Sie, Genosse F., warum ist man eigentlich seinerzeit zu mirgekommen, um sich in den Vorstand zu wählen?"

" Das hatte gute Gründe, Marie."

" Kann ich mir nicht denken, Genosse F., denn ich war völlig unbe-kannt, auch den Männenn. Mitch hat die Wahl deshalb überrascht, weilich weiss, dass es hier am Ort eine grosse Zahl von gescheiten undbefähigten Frauen gibt. Warun also ich?"

" Weil Du unbekannt warst, Mariel"

" Wieso deshalb?"

zu

" Tja, wir hatten festgestellt, dass die befähigten Frauen sich allegutkannten, zu viel voneinander wussten und dieses in-time Wissen umeinander noch nicht von der sachlichen Arbeit trennenkonnten. Es kam also nur jemand in Frage, der von den Privatangele-genheiten der anderen keine Ahnung hatte, und seine Privatangelegen-heiten für sich behalten kann. Dass Du das kannst, Marie( ichmüsste ja nun doch eigentlich" Sie" sagen), haben wir sofort fest-