Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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schlecht war. Sie verlangte die rasche Eröffnung von Kinderkrippenund Horten durch die Industrie und durch Stadt- und Kreisverwaltungen,weil die bestehenden Einrichtungen den Be ürfnissen längst nicht mehrgenügten, und war besorgt über die Zunahme der Heimarbeit, die überwie-gend völlig ungeschützt' war und bei der sehr oft kleine Kinder mit-

arbeiteten.

Die sittlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gefahren der beginnendenInflation wurden nach ihrer Erfahrung in ihrer ganzen Schwere von denVerantwortlichen, von Politikern, Wohlfahrtspflegern, Ärzten und Theo-logen, nicht wahrheitsgetreu eingestanden, um die' Volksmoral' nichtzu schwächen. Sie war über dieses Versagen weiter Kreise sehr ent-täuscht und sagte bei einer Besprechung:

' Nach allem, was die Masse der Arbeiterschaft seit 1914 an Opfern ge-bracht hat, ist dieses kaltschnäuzige sich- Abfinden mit den nicht weg-zuleugnenden Tatsachen ein Verbrechen an der kommenden Generation.'Noch später, während der Hitlerzeit, als wir uns in der Emigration be-gegneten und von den Ursachen der ganzen Entwicklung sprachen, sagtesie des öfteren, dass die Unterlassungs sünden der Gesetzgeber, der Ver-waltung und der Industrie zu Beginn der zwanziger Jahre zwangsläufigzu einer tiefgreifenden Erschütterung des Vertrauens zu Staat und Ge-sellschaft führen mussten. Sie war bedrückt über die mangelnde Ener-gie und voraussicht, die die in der Mehrheit hefindlichen nicht- sozia-listischen Parteien der Weimarer Republik in entscheidenden Fragen ge-zeigt hatten.

Während der Besetzung des Rheinlands war Marie beschäftigt mit Fragender menschlichen Annäherung und Aussöhnung zwischen Frankreich undDeutschland , und mit den Möglichkeiten des Einflusses, der durch Frau-Cundenstimarecht Frauenvertretung in den Parlamenten für die Zukunft er-wartet werden könnte. Andererseits erkannte sie die mangelnde Bereitsehschaft, sowohl hüben als auch drüben eine wirkliche und echte gegensei-tige Verständigung zu erstreben. Schon damals gestand sie, dass es siebeunruhige, zu beobachten, dass ganz allgemein gesprochen- die weib-lichen Wähler durch Appelle an enttäuschte Hoffnungen, Vorurteile undGeltungsbedürfnis durch agitatorische Manöver radikaler Parteien undStrömungen zur Unterstützung von extremen Richtungen gewonnen werdenkönnten.

Marie hat während der zwanziger Jahre- und auch rückschauend währendihres Aufenthaltes in den USA gerne von ihrer Arbeit und ihren Erfah-rungen im Reichstag gesprochen und auch immer anerkannt, dass die Zu-sammenarbeit mit den weiblichen Abgeordneten anderer Parteien befrie-digend, oftauch erfreulich gewesen sei.