Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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sich dadurch und durch die in Versailles gemachten Friedensvertrags-bedingungen unmöglich davon erholen konnte, das alles war die Ur-sache für den luftleeren Raum, in dem xxxk die Menschen der Weimarer Republik knapp sieben Jahre nach Kriegsende atmen mussten. So versuch-ten Marie und Elisabeth, dem arbeitenden Menschen wieder klare Vor-stellungen vom Wert des Daseins zu geben, von der Notwendigkeit, sichmit wenn auch noch so bescheidenen Mitteln die Athmosphäre zu schaffen,die das Leben lebenswert macht.

Da in Zeiten der grossen Not die Menschen selbst nicht mehr die Kraftaufbringen, einen neuen Anfang zu machen, mussten die wenigen Menschen,die über diese Kraft und über das Wissen um die Notwendigkeiten ver-fügten, eingreifen. Auch diese Gedanken waren ursächlich für den plötzlichen Entschluss, im Augenblick der höchsten politischen und wirt-wchaftlichen Not die Arbeiter- Wohlfahrt ins Leben zu rufen. Marie ver-stand es, nicht nur ihre Parteifreunde, sondern auch die Allgemeinheitso für ihre Idee zu gewinnen, dass sich die Organisation der AWschneller vollzog und zur praktischen Arbeit kam, als das jemals zu

erwarten war.

Marie Juchacz war noch während der Nationalversammlung für den dannfolgenden ersten Reichstag im Wahlkreis Spandau - Potsdam - Osthavellandals Kandidatin der Sozialdemokratischen Partei aufgestellt worden, zu-sammen mit Rudolf Wissel und Rudolf Breitscheid . Als Rudolf Wissel dxxdann das Arbeitsministerium übernahm, fand die AW in ihm einen wohlwol-lenden Förderer, der als Sozialdemokrat erkannte, welche Aufgaben die-ser" Institution der Arbeiterschaft für die Arbeiterschaft" erwuchsen:" Mit dem Anwachsen der Arbeiterbewegung wurde zwar immer wieder an dassoziale Gewissen der Regierungen appelliert, aber das, was uns heuteso selbstverständlich erscheint, wurde in schweren Kämpfen in den Par-lamenten und durch Streiks erzielt. Aber so manche individuelle Notwurde nicht erfasst. Den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden standen keinesolchen gegenüber, die von der Arbeiterschaft selbst getragen wurden.Schaut man auf die von Marie Juchacz ins Leben gerufene Arbeiter- Wohl-fahrt und auf die Anfänge dieser Gründung zurück, so weiss wohl niemanbesser als ich, welche Sorgen ihr durch diese Einrichtung erwuchsen.Auch ich konnte ihr dabei in meiner Tätigkeit als Arbeitsminister hel-fen. Im Haushalt des Arbeitsministeriums waren schon lange vorherMittel zur Unterstützung der privaten Wohlfahrtsorganisationen vorge-shen. Der Verteilungsschlüssel der dafür eingesetzten Beträge lag inder zur Verfügung stehenden Bettenzahl der Anstalten. In dieser Hin-sicht konnte aber die ju ge Arbeiterwohlfahrt, die sich im wesentlichernur auf die Beiträge ihrer Mitglieder aus Arbeiterkreisen stützen