Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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hin, durch den zwei Drittel der Bevölkerung arbeitslos wurden. Einhalbes Jahr später, im Sommer 1924, als das Ruhrgebiet von Franzosen besetzt wurde, erliess Marie Juchacz für den Hauptausschuss einenweiteren Aufruf für Bergarbeiterhilfe'.

" Unsere Bemühungen waren, obwohl die wirtschaftliche Kraft der arbeitein der ganzen Welt durch eigene Arbeitslosigkeit und durch Abwehr-kämpfe dauernd geschwächt oder stark in Anspruch genommen war, er-folgreich." In ihrer Schilderung dieser Zeit erwähnt Marie Juchacz ,wie sich in Holland , Belgien , Dänemark , Lettland und in der Tschecho­ slowakei die Menschen rührten und selbst unter Umgehung gesetzlicherVorschriften mithalfen, der deutschen Not und vor allen dem Kinder-elend zu begegnen:

" Die Arbeizer Lettlands boten Kindern des besetzten Gebiets Gast-freundschaft und Liebe in ihrem Land an, in dem es nur einen ganzkurzen Sommer gibt. Und dann schickte man die glänzend herausgefüt-terten Kinder mit zentnerschweren Kisten, gefüllt mit hochwertigenLebensmitteln und Kleidern, nach Hause zurück."

Weitere Beweise der Solidarität und des Vertrauens kamen aus derSchweiz , aus Österreich , Bulgarien , Italien , Nord- und Südamerika,und aus England.

Marie Juchacz war manches Mal erschüttert durch den Idealismus, mitdem die Menschen, die sie für ihre Arbeit gewonnen hatte, zugriffen." Wenn man zum Beispiel in einem Bericht aus einer mittelgrossen In-dustri stadt liest:' Die Vorsitzende der hiesigen Arbeiterwohlfahrt,eine Arbeitersfrau, ist Sta tverordnete, als solche Mithlied der De-putation des städtischen Wohlfahrtsamtes, der Krankenhausdeputation,des Ortsausschusses für die Auslandshilfe, der Kreishebammenstelle,des Kriegsbeschädigtenbeirats, im Kuratorium der Invalidenstiftungund des Bürgerrettungsfonds', und wenn man dann mit eigenen Augensieht, wie Notspeisung, Kinderverschickung, Aufnahme notleidenderKinder und Greise in Familien, Kinderferienwanderungen, Nänstube,inkleidung von Schulentlassenen und Bedürftigen, und Sammlungen bisins Detail durchorganisiert sind, dann muss man Respekt bekommen vorder Arbeitsleistung und dem Idealismus einer solchen Arbeiterfrau,dér selbst in ihrem persönlichen Leben bittere Sorgen nicht erspartwurden. Wir sind stolz auf die grosse Zahl dieser tüchtigen undopferwilligen Frauen!"

Wer das Interesse hat und sich die Mühe nimmt, einmal in diesem er-sten Berichts- Buch der Arbeiterwohlfahrt aus den Jahre 1924 zu blät-tern, wird erschüttert sein von der Fülle an Kleinarbeit, die in allen Teilen des Reichs in dieser schwersten Not- Zeit Deutschlands ge-leistet wurde.