Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Stramen

Für den Herbst 1930 sind für den Preussischen Landtag Neuwahlen aus-geschrieben worden. Elisabeth Kirschmann- Roehl befindet sich auf einerVersammlungs- Tour im Rheinland , in ihrem Wahlkreis. Sie jagt von Ortzu Ort, von Stadt zu Stadt, spricht zu den Menschen und wird von ih-nen ruhig angehört, schaltet sich überall dort ein, wo um das Ursäch-liche der Weltkrise diskutiert wird, gerät auch in eine Versammlung derNationalsozialisten, wo sie sich zum Wort meldet, obwohl sie weiss, dasssie sich in Gefahr begibt, wird niedergeschrien, vom Podium gezerrt,und von wenigen Freunden zu einem Seitenausgang gebracht, vorbei anrauflustigen SA- Männern, die Revolver und Messer in den Händen halten,die Mützen mit Riemen unter dem Kinn festgebunden, junge Menschen, dienicht politisch denken, sondern nur hassen, blind und wütend, ohne Ver-stand, aufgeputscht durch die Tiraden des Rattenfängers Adolf Hitler .Nicht weit vom Versammlungslokal, an einer dunklen Ecke, bricht Elisa-beth zusammen. Die Freunde sind ratlos, einer versucht, einen Arzt zufinden. Elisabeth kommt zu sich, wird in das kleine Zimmer des Gasthofsgebracht, in dem sie abgestiegen ist, und fällt in einen tiefen Schlaf.Am nächsten Morgen ist siel auf und schon unterwegs zum nächsten Ver-Xsammlungsort. Ein anderer Redner muss einspringen, Elisabeth ist aufdem Weg zum Versammlungssaal mit schweren Schmerzen liegengeblieben.Wieder greifen die Freunde zu, ein Auto bringt sie auf dem schnellstenWeg nach Köln , in das Westsanatorium. Wenige Stunden später liegt sieauf dem Operationstisch. Lotte Juchacz, Maries erwachsene Tochter, über-nimmt die Initiative, benachrichtigt ihre Mutter und Lisbeths Mann, dieBermihre politische Arbeit unterbrechen und nach Köln kommen. Lisbeths SohnFritz, xix der in Berlin- Köpenick ist, wird am nächsten Tag telefonischverständigt, dass eine zweite und dritte Operation erforderlich wurde.Die Ärzte hoffen. Der Sohn hofft. Schwester und Schwager hoffen. Lis-beth wird es überstehen. Knapp drei Wochen vorher, am 22. August, wurdesie 42 Jahre alt. Lisbeth ist zu jung, um zu sterben. Ihre Aufgabe istnoch nicht erfüllt.

Am 19. September ruft Lotte in Berlin an:" Setz Dich sofort in einenZug und komm nach Köln , die kleine Mutti will Dich sehen". Fritz hatteschon Tage vorher einen kleinen Koffer gepackt, weil er auf diesen An-ruf wartete.

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Als er am nächsten Morgen von der Strassenbahnhaltestelle durch dieWohnungs-Lorbergstrasse zur Wohnung lief, kam er ahYoffenen Fenster**********dis og vorbei, in dem ein Radiopparat stand, der die Frühmeldun-gen brachte:" In den Morgenstunden starb heute im Kölner Westsamtorium die sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Elisabeth Kirschmann-Roehl nach kurzer, aber schwerer Krankheit."- So erfuhr Fritz den Todseiner Mutter.