Vorwort
Dieses Vorwort hat Marie Juchacz ihren Le-benserinnerungen, die sie in den letztenJahren ihres Lebens zu schreiben begann,vorangestellt. Ihre Erinnerungen hat sienicht vollendet. Nur Bruchstücke sind vor-handen. Was sie hinterlassen hat, ist zu-sammen mit ihren Aufzeichnungen und Brie-fen, wenn auch nur teilweise wörtlich, indiese Darstellung ihres Lebens und ihresHauptwerkes, die Arbeiterwohlfahrt, ein-gegangen.
Solange ich in der Arbeit des Tages stand, kam mir niemals der Gedan-ke, daß ich einmal über mein Leben im Zusammenhang schreiben würde.
Das Alter aber macht beschaulich. Nachdem ich jetzt auf so lange Jahredes Wirkens in der Öffentlichkeit zurücksehen kann, ist nun doch derWunsch wach geworden, etwas aus diesen Erinnerungen auf zuschreiben.Zuerst ist dieser Gedanke von außen her an mich herangetragen worden.Ich habe ihn lange abgelehnt, er erschien mir vermessen, mein Schick-sal und meine Arbeit für ein solches Unterfangen nicht bedeutend genug.Vertrauter wurde mir diese Idee, sie verdichtete sich zum eigenenWunsch, nachdem ich nach langer Abwesenheit aus der Emigration wiedernach Deutschland zurückkehrte.
Mein persönliches Schicksal hat mich auf so manchen verantwortungsvol-len Platz in der Arbeiterbewegung gestellt. Ich habe mich niemals dazugedrängt. Aber wenn ich dann vor einer Aufgabe stand, machte es mirFreude, sie nach bestem Können zu erfüllen. Die Verantwortung, die ichtrug, das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, dersständige Ge-dankenaustausch mit Menschen gleicher Grundgesinnung, das als inneresMaß empfundene fortgesetzte Eindringen in sozialistisches Ideen- undGedankengut gehören mit zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens.Mit vielen Menschen, Männern und Frauen, hat sich mein Lebensweg ge-kreuzt. Einige der großen Sozialdemokraten habe ich nur noch ganz ausder Ferne verehrt, ich war damals noch sehr jung. Später lernte ichviele aus der nächsten Generation persönlich kennen.
Beim Nachdenken über mein Leben und seine wechselvolle Zeit komme ichimmer wieder zu dem Schluß, daß sich vieles für mich aus Zufälligkeitenund aus Zeitumständen ergeben hat. Zufall war es, was mich schließlichbis in die Spitze der sozialdemokratischen Partei, in den Vorstand führ-te. Mein Wille war nicht auf dieses Ziel gerichtet. Ich wurde immer