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Marie Juchacz , damals Marie Gohlke , beendete 1893 mit 14 Jahren ihreSchulzeit. Die achtjährige Volksschule in Landsberg / Warthe , die siebesucht hatte, führte nur vier Klassen, so daß alle zwei Jahre, wennneue Schülerinnen in die Klasse kamen, der alte Stoff wiederholt werdenmußte und die Schülerinnen, die der Klasse schon angehört hatten, nichtsNeues dazu lernten. Eine Fortbildungsschule für Mädchen gab es damalsin Landsberg nicht. Die Schulbildung, die das Vaterland Marie Juchacz auf den Lebensweg mitgab, war äußerst dürftig.
Marie war eine gute und aufmerksame Schülerin. Den Rohrstock, den dieLehrer der Schule, auch Maries Lehrerin, eifrig handhabten, hat sie,wie sie sagt," nie zu schmecken bekommen". Schon in jungen Jahrenscheint sie stolz, diszipliniert und wißbegierig gewesen zu sein.
Marie Gohlke war kein Proletarierkind, aber ihre Eltern waren arm undsie stand dem Leben nicht besser gewappnet gegenüber als Arbeiterkinderaudh.
Vater Gohlke war 53 Jahre alt, als Marie die Schule verließ. Das hieß,daß er ein alternder Mann war, da damals die Arbeitskraft schon mit dem40. Lebensjahr abzusinken begann. Er mußte schon öfters Pausen in seineArbeit einlegen. Er war ein Zimmerer und hatte den Meisterbrief. SeineVorfahren und auch sein Vater waren Zimmerer im Warthegau gewesen undhatten dort auch eine Landwirtschaft. Seine Eltern starben früh, undnach ihrem Tode scheint die Landwirtschaft verkauft worden zu sein. InLandsberg begann er als selbständiger Handwerksmeister und nahm auchBauaufträge an. So gehörte er zum mittelständischen Bürgertum und nichtzur Arbeiterklasse. Seine Aufträge wurden schon knapper, als Marie nochzur Schule ging. Das schnell wachsende Baukapital bedrängte die kleinenMeister, die kein Kapital hatten und von der Hand in den Mund lebten.Allmählich verschwanden die kleinen Handwerksmeister im Baugewerbe alsSelbständige und mußten froh sein, wenn sie als gelernte Arbeiter inihrem Gewerbe unterkamen. Auch Vater Gohlke fehlte das Kapital, um dieprofitablen Mietskasernen zu bauen, die damals aufkamen. Die Aufträgegingen zurück, das Geld wurde knapper.
Maries Mutter hatte das typische Schicksal eines Proletarierkindes er-fahren. Ihre Eltern starben früh. Als neunjähriges Mädchen begann siebei einem Müller zu dienen; sie mußte Brotteig kneten, die Hausarbeitübernehmen und dem gleichal trigen Kind des Müllers bei den Schulaufga-ben helfen. Von der harten Kinderarbeit behielt sie zeitlebens einengekrümmten Rücken.