Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
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Als Marie sah, wie die Eltern sich einschränken mußten, bot sie nochwährend der Schulzeit der Mutter an, sich eine Arbeit zu suchen. Siewollte vor der Schule Brot austragen. Die Mutter aber lehnte ab. Siewisse aus eigener Erfahrung, wie schwer Kinderarbeit sei und wie sehrsie die Gesundheit schädige." Sei froh, daß deine Eltern noch da sind"antwortete sie der Tochter.

" Mein Vater", berichtet Marie," sah sich nicht als Proletarier, er warvom Lande in die Stadt gekommen, um sich als Handwerker und Baumeister niederzulassen. Die Mutter hatte dieselben Gefühle. Die nicht immererfreuliche Situation des Vaters, die beengten Wohnverhältnisse der Fa-milie im Dachgeschoß und die Einschränkungen im täglichen Leben hattentrotzdem bei den Eltern nicht die Meinung aufkommen lassen, sich derArbeiterklasse zugehörig oder verbunden zu fühlen. Bruder Otto hattenur noch unklare Vorstellungen von der Zeit, da die Eltern auf dem Lan-de wohnten; er war in der Stadt groß geworden."

Otto, der sieben Jahre älter war als Marie, ging nach der Schulzeit indie Lehre als Zimmerer. 1889 war er, mit Winkeleisen und einem Stab mitbunten wehenden Bändern, beim Umzug der neugeprüften Gesellen durch dieStadt dabei. Abends war Ball, und die Väter der neuen Gesellen stifte-ten das Bier. Damals wußte Otto schon, daß er das väterliche Geschäftnicht erben würde und daß es daher besser war, als gelernter Arbeiterzwar, aber doch als Arbeiter, in der Bauindustrie anzufangen.

... als

Zunächst jedoch wurde er zur Armee einberufen. Hatte er die jüngereSchwester oft rauh behandelt, zeigte er beim ersten Urlaub, daß er ma-nierlicher geworden war; er behandelte sie beinahe ritterlich. Als siesich aber einmal despektierlich über seine Uniform äußerte, betonte er,daß er des Königs Rock trage und stolz darauf sei. Nach dreijährigerDienstzeit kehrte er zurück als Obergefreiter der Artillerie undSozialdemokrat. Das war zwei Jahre nach dem Fall des SozialistengesetzesIm Jahre 1890 war die Sozialdemokratie nach elfjähriger Unterdrückungfrei geworden und konnte ihre Propaganda wieder aufnehmen. Ihre Lehrevon der Selbstbefreiung der Arbeiter aus der Lohnknechtschaft und voneiner Zukunft voll Freiheit und Kultur zog die jungen Arbeiter unwider-stehlich an. Die Kasernenmauern waren kein Wall dagegen. Im Gegenteil,Schliff und Drill erweckten die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbe-hauptung. Wo immer Arbeiter zuwammenkamen, beim Militär und in derWerkstatt, sprachen sie von der Sozialdemokratie. Zu Hause, bei Spazier-gängen oder in der Wirtschaft wurde die neue Lehre weitergegeben. So zogsie auch in Landsberg ein, wo es noch keine Stützpunkte der Partei undder Gewerkschaften gab. Die Befreiung der Arbeiter durch die Arbeiter-klasse selbst, die sich zu diesem Zweck in Gewerkschaften und in der