Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
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IN

So lag ein Leben vor ihr in ungelernter Arbeit, ein Leben der Armut,Eintönigkeit und Düsternis. Über diese Zukunft dachte sie nach. Die El-tern halfen ihr nicht. Sie hatten ihr ein Heim voll Liebe gegeben undsie zu anständiger Gesinnung erzogen. Die Zukunft der Tochter sahen siein der Ehe. In der Zwischenzeit sollte sie verdienen, aber in einer gu-ten Umgebung, möglichst in einem Haushalt und nicht in einer Fabrik.Marie jedoch träumte von einem Beruf, der ihr eine Aufgabe stellte, dieder Menschheit nützlich wäre. In nüchternen Momenten aber wußte sie,daß sie wie ihre Schulkameradinnen in einem Haushalt würde anfangen müs-sen und vielleicht einmal Verkäuferin in einem Ladengeschäft werdenkönnte. Dann erschien die Fabrikarbeit doch besser, in der man, wie sieglaubte, im Akkord schnell verdienen konnte, um dadurch etwas in dieEhe mitbringen zu können. Ihren Traum sinnvoller Berufsarbeit besprachsie mit Otto. Der sah die Dinge, wie sie nun einmal für eine Landsber­ ger Volksschülerin waren und sagte:" Haushalt und Fabrik und dann Ver-sorgung durch Heirat, das ist dein Lebensweg".

Marie versuchte aber doch, etwas besseres zu werden als Dienstmädchenoder Fabrikarbeiterin. Sie bewarb sich um eine Lehrstelle in einem Ge-schäft. Man sagte ihr, daß ihre Schulzeugnisse gut wären, aber eben nurVolksschulzeugnisse, es ständen genug Mädchen, die die Bürgerschule be-sucht hätten, zur Verfügung. Nun wollte sie in eine Stelle zu Kinderngehen.

Der Vater machte der unnützen Überlegung ein Ende. Eines Tages legte ereinige Adressen von Familien auf den Tisch, bei denen Marie sich alsHausmädchen vorstellen sollte. Eine Familie hatte vier Kinder, aber derArbeitgeber fand, daß das zu viel Arbeit für ein junges Mädchen gebenwürde. Ein Gasthausbesitzer wollte sie nicht, weil bei ihm Reisende ver-kehrten, die sich vielleicht zu sehr für ein junges Mädchen interessie-ren würden. In eine andere angebotene Stelle wollte Marie nicht gehen,weil sie sah, wie schmutzig und staubig es bei den Leuten war. In wiedereiner anderen fühlte sie sich von dem mit Blumen und Fahnen umranktenKaiserbild und der Lobeshymne des zukünftigen Arbeitgebers auf denKaiser abgestoßen. Danach ging Vater Gohlke, wie das üblich war, mitseiner Tochter auf die Stellensuche. Mit einem Holzhändler einigten siesich schließlich über Lohn und Essen, ein paar freie Stunden an einigenTagen und gelegentliche Besuche zu Haus. Der Vater war sehr zufrieden,aber Marie fand, daß der Holzhändler zu freundlich gewesen sei. Er wur-de noch freundlicher, nachdem Marie die Stelle angetreten hatte, so daßsie schnell wieder wegging.

Danach versuchte sie es in einem Haushalt evangelischer Gemeindeschwe-stern, die aber keine guten Lehrmeisterinnen waren und sie nicht gut