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anstrengend, weil die Kundenbesuche ja wegfielen. Aus dieser gemeinmsa-men Arbeit ergab sich eine Bindung, die 1903 zur Ehe führte. Im gleichenJahr wurde Maries Tochter Lotte geboren. Die Ehe aber wurde nicht glück-lich. Nur mit ihrem Vater hat Marie einmal darüber gesprochen, um sicheinen Rat zu holen, sonst mit niemandem. Und da der Vater das Gesprächmit der Tochter für sich behielt, hat nie jemand erfahren, was die Eheso unerträglich gemacht hatte.
Elisabeth, die damals 14jährige Schwester, arbeitete als Kindermädchenin der Nähe von Maries Wohnung. So sahen sich die Schwestern viel und,wie Otto einst zu Marie, so sprach jetzt Marie zu Elisabeth über das,was ihren Verstand beschäftigte: die sozialdemokratische Partei. In die-ser Zeit war in Frankfurt an der Oder das Parteiblatt" Die Volksstimme"gegründet worden. Natürlich kam es auch nach Landsberg . Die beidenSchwestern lasen es zusammen. Es war, wie die meisten Parteiblätter derdamaligen Zeit, ein schwerfällig geschriebenes Blatt, das mit eisernemErnst zu den politischen Problemen Stellung nahm, in einer Sprache, dienur den eingeweihten Parteigenossen geläufig war. Es war daher ungeeig-net, noch fernstehende Arbeiter für die Partei zu werben. Diese wurdendurch die Erfahrung, die sie an ihrem Arbeitsplatz machten, durch dieEntbehrungen, unter denen sie litten, durch die Erfolge der Gewerkschaf-ten, durch das in den Versammlungen gesprochene Wort, durch die Hoffnun-gen auf eine bessere Zukunft und durch den Idealismus ihrer Klassenka-meraden, die schon der Arbeiterbewegung angehörten, gewonnen. Aber diebereits Organisierten fanden in der" Volksstimme" die Aufklärung überdie sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, die siesuchten. Dort lasen Marie und Elisabeth über die Vorgänge in der bürger-lichen Welt und auch im Reichstag. Las man die" Volksstimme", so konnteman in Versammlungen und am Feierabend mitreden. Marie sagte, daß dasBlatt sie gelehrt habe, in ihrem Denken nicht mehr nur von sich selbstund ihrer nächsten Umgebung auszugehen, wie sie das bis dahin getan hat-te, sondern sich als Teil eines Ganzen zu sehen und auf dieses ihre Ge-danken zu richten. Auch habe sie aus dem Blatt die Namen der Parteifüh-rer kennengelernt, ihre Reden gelesen, ihre politischen Meinungen erfah-ren, so seien für sie aus Namen Begriffe und Persönlichkeiten geworden.Damals lernte Marie Wilhelm Paetzel kennen. Er hatte in der Verlagsbuch-handlung" Vorwärts" in Berlin eine wichtige Stellung. Als Landsbergerkam er oft in seine Heimatstadt, wo er einer der Hauptagitatoren derPartei und auch ihr Reichstagskandidat war. Als junger Arbeiter warPaetzel von Liebknecht entdeckt und für die Partei arbeit erzogen worden.Nach den Versammlungen blieb er oft im Kreise seiner Freunde, zu denenauch Marie gehörte, sitzen und diskutierte mit ihnen. Er hatte ein Ta-lent, komplizierte Fragen mit einfachen Worten zu erläutern.