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1903 war ein politisch erregendes Jahr. Im Juni fanden Reichstagswahlen statt, die ersten, denen Marie mit gespanntem Interesse folgte. Wählendurfte sie als Frau nicht. In Landsberg herrschte fieberhafte Wahlstim-mung. In der Stadt hatten die Sozialdemokraten einen großartigen Wahl-erfolg. Trotzdem wurde der sozialdemokratische Kandidat geschlagen, weilder ländliche Teil des Wahlkreises sich gegen die Sozialdemokraten ent-schied. Marie scheint der Verlust des Kreises Landsberg für die Parteitiefer beeindruckt zu haben, als der große Sieg, den die Sozialdemokra-tie bei der Wahl im Reich erringen konnte. Ihre Reichstagssitze erhöhtensich von 56 auf 81 von fast 400 Sitzen, ihre Stimmenanzahl stieg vonzwei auf drei Millionen.
Kurz nach der Wahl brach der Streik der Crimmitschauer Weber und Spinneraus, an dem ganz Deutschland regen Anteil nahm. Die Arbeiter kämpftenfür den Zehnstundentag und hofften, daß der Kampf der Arbeiterschaftum eine Verkürzung der Arbeitszeit in einer Industrie, die so vieleFrauen beschäftigte, die Öffentlichkeit auf ihre Seite bringen würde.Das war auch zum Teil der Fall. Die Hoffnung, daß der durch den Streikentstehende Mangel an Crimmitschauer Garn die Textilindustrie West-deutschlands lahmlegen und die Unternehmer gefügig machen würde, erfüll-te sich jedoch nicht. Die Unternehmerschaft ganz Deutschlands unter-stützte die Crimmitschauer Industrie finanziell, die sächsische Regie-rung half ihr dabei durch Verbote von Streikversammlungen und schließ-lich, nach sechs Monaten, mußten die Gewerkschaften den Streik abblasen,ehe die Streikfonds erschöpft und das Arbeiterelend zu groß wurde.Wie überall in der Arbeiterbewegung Deutschlands wurde auch in Landsberg für die Crimmitschauer Arbeiter gesammelt. Öffentliche Versammlungenwurden einberufen und Streikberichte gegeben. In solche Versammlungenkonnten Frauen ungehindert gehen, und Marie nahm an ihnen teil. Dort er-fuhr sie mehr über Frauenarbeit und die Probleme eines Streiks, als ihrBücher je vermitteln konnten. Zum ersten Mal wieder seit dem Streik, andem ihr Vater und Otto beteiligt waren, fühlte sie sich in den Klassen-kampf einbezogen. Sie nahm Stellung und wurde der Sache der Arbeiterbe-wegung tiefer verbunden als je zuvor.
Die erregten Auseinandersetzungen auf dem Dresdner Parteitat wurdenauch in Landsberg gespannt verfolgt. Bebels leidenschaftliche Anklagegegen die Genossen, die an bürgerlichen Blättern mitarbeiteten, riß dieLandsberger Sozialdemokraten mit. Bebel hatte Angst vor dem Anwachsender Revisionisten, deren Zahl in der sozialdemokratischen Reichstags-fraktion nach der Wahl stark angewachsen war. Er wollte sie zurückwerfen,ehe sie die Partei vom Wege der Revolution ab und auf den Weg allmäch-licher sozialer Reform durch Verhandlungen mit den bürgerlichen Parteien