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Eines Tages erschien Margarete Wengels in Maries Frauenabend.Sie tadelte, daß Marie und Elisabeth sie übergangen hätten.
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Frau Wengels war gleich nach dem Fall des Sozialistengesetzes, dievon der Partei anerkannte Fraueṇagitatorin geworden. Auf demKölner Parteitag 1893 wurde bestimmt, sie zur Leiterin der Frauen-agitation im Reich zu machen. Frau Wengels und Marie waren sehrverschieden voneinander. Sie war derb, frisch, heiter, explosiv,vom Grübeln über soziale Probleme und von eigenem Wissen wenigbeschwert, nur eifrig darauf bedacht, möglichst viele Frauen fürdie Partei zu gewinnen. Eine ungeheure Energie stand ihr für dieseAufgabe zur Verfügung. 1899 war sie in ihrer Stellung als" zentrale Frauenvertrauensperson" durch Ottilie Baader ersetztworden, aber für die Agitation im Berliner Osten verantwortlichgeblieben. Darum, so erklärte sie Marie, hätte sie gefragt werdenmüssen, ehe dieser Leseabend eingerichtet wurde. Damit erfuhrMarie, daß es für eine Sozialistin einen Aufstieg und eine selbst-ständige Aufgabe neben der Partei nicht gab. Frau Wengelsschläge, man könnte auch Anordnungen sagen, waren einfach.zeigte, daß der Parteiapparat so gestaltet war, daß er mit Leichtikeit Menschen wie Marie, mit ihren Plänen und Hoffnungen auf-nehmen und an die Stelle leiten konnte, die sie, ohne es klarzu wissen, anstrebten. Marie und Elisabeth sollten den Frauen-abend weiter leiten, sagte Frau Wengels, die" Gleichheit" lesen,das, da als von Klara Zetkin redigierte Frauenblatt der Partei,das im politisch milderen Stuttgart , also außerhalb Preußens,ungehindert erscheinen konnte, und dem" Verein der Frauen undMädchen der arbeitenden Klasse" beitreten. Das war ein Verein,der sich mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen derArbeiterinnen und Arbeiterfrauen beschäftigte und angeblich unpo-litisch war. Zu dieser Zeit war die sozialdemokratische Parteiim Proletariat-außer in katholischen Gegenden- so stark, daßjeder Zusammenschluß von Arbeitern und Arbeiterinnen sozial-demokratischen Charakter annahm und sich parteizugehörig fühlte.Der Verein für die Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse standunter der Führung von Frauen, die heimlich Parteimitglieder waren.
+ Fußnote:
In unserer heutigen Ausdrucksweise würden wir diese Positionmit Frauenreferentin des Parteivorstandes bezeichnen.