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sprach und ihnen klar machte, dass der Befreiungskampf der Arbeitersie brauchte. An diesem Platz wollte man eine Frau, die bewusstdarauf verzichtete, sich in erster Linie mit den leidenschaft-lichen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei zu beschäftigten,bei denen es damals um den Imperialismus ging und um die Frage, obsich die Partei darauf beschränken solle, die grosse Revolutionvorzubereiten, oder ob es ihre Aufgabe sei, die neue Gesellschaftschon im Schosse der heutigen vorzubereiten. Maries Aufgabe war es,abseits von diesen theoretischen Auseinandersetzungen die Frauenerst einmal für den Sozialismus zu gewinnen.
Carl Zörgiebel, der Kölner Parteisekretär und spätere Polizei-präsident von Köln und Berlin , berichtet, dass er die harte Schale,die Marie Juchacz ungab, aufbrechen wollte, als er einmal zu ihrsagte:" Wenn Du Deine klugen Gedanken mit etwas mehr Wärme vor-tragen würdest, könntest Du die Menschen nicht nur politisch,sondern auch menschlich restlos gewinnen." Marie antwortete:" EinBaum wächst so, wie ihn der Wind zerzaust und der Boden ihn er-nährt." Eine Frau, der alles leichter gefallen wäre, hätte schnellvon ihrer Stellung aus den Flug in die grosse Politik unternommenund die Durchschnittsfrau in der Organisation weit hinter sich ge-lassen. Aber gerade das wollte Marie nicht. Und sie begab sichauch nie in die Niederungen der Eifersüchteleien und des Streites.So wirkte sie durch ihre Persönlichkeit, die Wahrhaftigkeit undden Ernst, mit dem sie ihre Aufgabe erfüllte.
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Während der ersten Kölner Monate sehnte sich Marie nach Elisabethund der freundlichen Heiterkeit, die die Schwester vorbereitete,und Elisabeth in Berlin sehnte sich nach Maries Führung. EinesTages schrieb Elisabeth:" Ich habe mich mit meinem Mann über einevorläufige Trennung geeinigt und will mit den drei Kindern nachKöln kommen." Marie mietete eine Wohnung und, schon im Juli 1913traf Elisabeth mit den Kindern ein. Der gemeinsame Haushalt und diegemeinsame Tätigkeit der Schwestern begannen von neuem.Elisabeth wurde in Köln noch umgänglicher, heiterer und zuver-sichtlicher, als sie es schon vorher war. Sie schloss sich an denungefähr gleichaltrigen Emil Kirschmann an, den sie später heira-tete. Kirschmann, der einer Edelstein- und Achatschleiferfamilieaus Oberstein entstammte, war als Handlungsgehilfe zur Partei ge-kommen. Durch seine politischen und journalistischen Talente setzteer sich in der Kölner Partei schnell durch, und Elisabeth hatte