Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
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Genossen

Am zweiten August fuhr Adolf Hofrichter nach Berlin zur Reichs-tagssitzung, in der über die Kriegskredite abgestimmt werdensollte. Die Mobilmachung hatte schon am Vortage begonnen, diedeutschen Truppen marschierten bereits. 110 Mitglieder war diesozialdemokratische Reichstagsfraktion stark. Hofrichter stimmtemit vierzehn anderen für die Ablehnung der Kriegskredite, umgegen den Krieg zu demonstrieren, und um zu bekunden, dass dieSozialdemokratie nach wie vor der Regierung der Klassengesell-schaft und des Klassenstaates feindlich gegenüber stand. Die über-wältigende Mehrheit der Fraktion wollte keine Demonstration in" der Stunde der Gefahr". Sie war überzeugt, dass die Arbeiter undParteimitglieder, die in Scharen eingezogen wurden, es nicht ver-stehen würden, wenn ihre Partei ihnen die Waffen verweigerte, mitdenen sie sich verteidigen mussten. Sie wollte auch ein Verbotder Partei und Gewerkschaften vermeiden, in einem Augenblick, indem die Arbeiter in ihren vielen neuen Nöten Abwesenheit desFamilienernährers, Lebensmittelmangel und-teuerung strengereDisziplin in den Fabriken, um nur einige zu nennen ihre Hilfebrauchten. Die Mehrheit glaubte auch, dass Verfassungs- und Sozial-reform, angesichts der ungeheuren Opfer der Masse, nicht mehr ver-weigert werden konnte, und wollte an der Umgestaltung Deutschlands

mitarbeiten.

Noch ehe eine Nachricht von Hofrichter kam, hörten Marie und diePartei in Köln , dass die sozialdemokratische Reichstagsfraktiondie Kriegskredite bewilligt hatte. Marie fühlte, nach ihrer Aus-sage, die Entscheidung" wie eine Zentnerlast, die mich bedrückte,wo immer ich war". Auf welcher Seite sie bei der Entscheidungstand, hat sie nie gesagt. Es war ihre Art, sich nur zu Fragen zuäussern, die mit ihrer eigentlichen Arbeit und ihrer Stellungzusammenhingen.

Indessen zogen die Kölner Behörden aus ihrer Schublade ein Papierheraus, das ihnen früher einmal von der vorsorglichen preussischenRegierung für den Fall der Mobilmachung zugesandt worden war. Esverlangte Verbot der Kölner sozialdemokratischen Partei, der" Rheinischen Zeitung" und die Verhaftung der Parteiführer für denFall der Mobilmachung. Noch ehe der Verhaftungsbefehl vollhogenwerden konnte, kam Gegenorder von Berlin . Die Zeitung wurde wiederfrei gegeben, das Parteiverbot aufgehoben.