Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
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vom Verkauf seiner Arbeit leben musste und dass er ohne Existenz-mittel war, wenn seine Arbeitskraft vorübergehend oder dauerndbeschränkt oder am Arbeitsmarkt vorübergehend oder dauernd unver-käuflich war. Die Bedingungen, die an die Gewährung der Armen-pflege geknüpft wurden, waren unsozial und entwürdigend. Der Be-dürftige hatte kein einklagbares Recht auf Hilfe. Nur Bedürftige,die den Unterstützungswohnsitz erworben hatten, dase heisst, diein der sie hießbedürftig wurden,seit einem Jahr in der Gemeinde wohnten, erhielten Hilfe. Dieanderen wurden an den Ort abgeschoben, von dem sie gekommen waren.Von dort aber waren sie weggegangen, weil sie keine Aussichtsahen, ihr Brot zu verdienen. Einkommen aus irgendwelchen Quellen,wie Unterstützung durch die engere oder weitere Familie wurdenbei der Prüfung der Hilfsbedürftigkeit streng angerechnet. Die ausder Armenpflege gewährten Mittel, mussten der Gemeinde auf Hellerund Pfennig zurückgezahlt werden, so bald der Emfpänger oder seineFamilie dazu in der Lage waren. Das wurde von der Armenpflegedauernd geprüft. Der Unterstützte verlor sein Wahrecht, solangeer unterstützt wurde und der Gemeinde Rückzahlungen schuldete.So verletzte die Armenpflege den Stolz des klassenbewussten Ar-beiters, der sie beantragen und von ihr leben musste. Da es keineArbeitslosenunterstützung gab, mussten alle Arbeitslosen dieArmenpflege in Anspruch nehmen.

Die Kritik der Sozialdemokratie und auch einer Reihe andererSozialreformer war nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Die Obrigkeitund gewisse Schichten der Bevölkerung wollten die Arbeiter nichtnoch weiter verbittern, nicht noch tiefer in die Arme der Sozial-demokratie treiben, und milderten darum die mit der Armenpflegeverbundenen Demütigungen, Man wollte auch Menschen, die wiedereinem tätigen Leben zugeführt werden konnten, durch die Be-schränkung auf das Existenzminimum während der Zeit der Unter-stützung nicht noch tiefer absinken lassen. So wurden in manchenStädten schon damals die Rückzahlungsbestimmungen gemildert undvereinzelt auch Unterstützungen für die Erziehung von Kindern undJugendlichen gewährt.

Auf dieses Gebiet also sollte Marie sich nun begeben. Sie konnteeine Sprechstunde einrichten. Würde das genügen?

Da rief kurz nach Kriegsausbruch der Stadtverband Kölner Frauen-vereine, in dem die nicht sozialdemokratischen und die nicht denfreien Gewerkschaften nahestehenden Frauenvereine zusammenge-