Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
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zu jeder Stunde ankommt, und da möchte ich ganz besonderssagen, daß wir den Zug der Zeit nicht aufhalten dürfen,daß wir nicht bremsen dürfen, sondern immer mit vorwärts-schreiten müssen, daß wir den Strömungen der Zeit einpsychologisches Verständnis entgegenbringen müssen.

Die Strömungen, die aus der wirtschaftlichen und kulturel-len Entwicklung geboren werden, sind lange genug mitGewalt, mit starrer Gewalt, die in unserem alten Systemwurzelte, zurückgehalten worden und konnten nicht zurEntfaltung kommen, bis es explodierte."

Nachdem sich Marie mit ihrem deutsch - nationalen Vorredner,dem Grafen von Posadowsky- Wehner , auseinander gesetzt hatte,der die Tatsache einer Junkerherrschaft vor der Revolutionangezweifelt hatte, ging sie zum Schluß auf einige der großenpolitischen Fragen ein, die die deutsche Öffentlichkeit injenem Augenblick erregten:

".... Wir bedauern es auf das tiefste, daß noch immerdeutsche Volksgenossen sich im Ausland befinden, daß siedort die ganzen seelischen und körperlichen Qualen derGefangenschaft durchmachen müssen. Wir bedauern dievielen Angehörigen hier in unserem armen, unglücklichenDeutschland , die auch heute noch bangen müssen um ihreLieben da draußen, denen der Krieg noch immer nicht zuEnde gegangen ist, weil sie ihre Lieben noch nicht in dieArme schließen konnten...

Wir wollen unsere Stimme laut ertönen lassen, damit auchdie Frauen der anderen Länder es hören, daß es deutscheFrauen, deutsche Männer und Frauen sind, die sich inner-lich empören gegen dieses furchtbare Unrecht, das uns hiergeschieht.

... Wir wenden uns auch hier an dieser Stelle gegen diefurchtbare Blockade, die uns auch heute noch und jedeStunde mit dem Hungertod bedroht. Dieser Hunger, der schonso viele unserer Volksgenossen hinweggerafft hat, weichtauch heute nicht von unserer Seite, obwohl der Friede vorder Tür stehen sollte, und obwohl der Völkerhaß heuteschweigen müßte, Es ist das Furchtbarste, was die Ententesich heute noch zu schulden kommen läßt, daß sie dieses wehrlose deutsche Volk auch noch weiter dem Hunger überlieferts